Seit Sonntag gilt im Landkreis Reutlingen die Allgemeinverfügung – Bars und Restaurants müssen um 23 Uhr schließen. Das Landratsamt reagierte mit der verfrühten Sperrstunde auf einen Erlass aus dem Sozialministerium, der für alle Landkreise mit einer Inzidenz von mehr als 50 Neuinfektionen in sieben Tagen gilt.

RGI prüft Klage

Für Uwe Grauer, Vorsitzender der Gastro-Initiative in Reutlingen, ist der Beschluss aus Stuttgart nicht nachvollziehbar: „Wir Gastronomen haben funktionierende Hygienekonzepte umgesetzt. Die Sperrstunde ist völlig kontraproduktiv.“ Betrachte man die Zahlen des Robert-Koch-Instituts, seien kaum Covid-19-Infektionen auf Betriebe in der Gastronomie zurückzuführen. „Die jungen Leute treffen sich dann eben privat – da ist das Risiko für Ansteckungen deutlich höher.“ Die Reutlinger Gastro-Initiative lasse sogar prüfen, ob die Sperrstunde rechtens ist. Eine Klage gegen das Sozialministerium sei in der Überlegung.
Das RKI  erklärt in einem Lagebericht vom 20. Oktober, dass Fallhäufungen „insbesondere in Verbindung mit Reisen beziehungsweise Reiserückkehrern und im Zusammenhang mit Feiern im Familien- und Freundeskreis (…)“ beobachtet werden. Restaurants und Bars spielten nur eine untergeordnete Rolle.
Dass daher mehrere Klagen gegen die Sperrstunde, beispielsweise vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Baden-Württemberg, vorbereitet werden, verwundert Uwe Grauer daher nicht. „Unsere Branche wird erneut eingeschränkt, obwohl sie mit am wenigsten zu den steigenden Zahlen beiträgt.“

Regeln konsequent einhalten

Ähnlich äußert sich Gerhard Gumpper gegenüber unserer Zeitung. Es sei einfach, Gastrogewerbe und auch Hotellerie zu verallgemeinern und deshalb Regeln für die gesamten Branchen zu erlassen. „Das ist aber der falsche Weg“, betont der Vorsitzende der Dehoga-Kreisstelle Reutlingen und Inhaber des Forellenhofs Rössle in Lichtenstein-Honau. Zumal die Kontaktverfolgung in nur wenigen anderen Branchen so konsequent geführt werde und „Restaurants nur äußerst selten Herd für größere Verbreitungen sind“, erklärt Gumpper.
Sein Betrieb habe über die Sommermonate indes gut funktioniert, von den Gästen des Forellenhofs habe Gumpper positive Rückmeldungen erhalten. „Die Besucher haben sich mit dem Hygienekonzept wohl gefühlt und konnten die Maßnahmen nachvollziehen.“ Doch wie sich die Gästezahlen im Herbst und mit den neuen Verordnungen entwickeln, sei schwierig vorherzusagen. Klar ist: „Einen zweiten Lockdwon müssen wir verhindern“, betont Gumpper, der daher an die Kollegen der Branche appelliert: Natürlich sei es mehr Aufwand, die Kontakte der Gäste aufzunehmen und finanziell unwirtschaftlicher, die Abstände zwischen den Tischen zu vergrößern. „Doch wenn man das nicht konsequent macht, fliegt uns das allen um die Ohren.“