Als der Landrat und gleich mehrere Gesundheitsexperten am 10. März in einer Pressekonferenz mitteilen, dass das Corona-Virus nun auch im Kreis Reutlingen angekommen ist, kann von Abstandhalten und gesteigertem Hygienestandard noch keine Rede sein. Ohne Mund- und Nasenschutz läuft das Gespräch mit den Journalisten, die erfahren, dass sich die ersten fünf Menschen in unserer Region infiziert haben. Wie sehr Covid 19 den Landkreis und die gesamte Welt in Atem halten würde – das war damals kaum zu erahnen.  Oder doch?

Nicht absehbare Dynamik

Drei Monate später. Es ist Mitte Juni und Dr. Gottfried Roller, der Leiter des Kreisgesundheitsamts, blickt zurück auf das erste viertel Corona-Jahr. 1550 Menschen sind in seinem Zuständigkeitsbereich an Covid 19 erkrankt, 1455 genesen, 88 gestorben. Der Lockdown hat im privaten wie im wirtschaftlichen Umfeld der Bürger tiefe Spuren hinterlassen. „Dass das Virus eine solche Dynamik entwickeln würde, das konnten wir nicht wissen. Das Ausmaß einer Pandemie ist einfach nicht vorhersehbar“, bilanziert Roller.
Wie ernst die Corona-Lage von Anfang an war, habe er allerdings schon allein daran ablesen können, was in China passiert sei. „Das war unser Indikator und die Situation dort hat uns gezeigt, dass wir das Virus nicht auf die leichte Schulter nehmen können.“ Schnellstmöglich wurden deshalb die bestehenden Pandemie-Pläne im Landratsamt adaptiert. Der Lockdown und die gesundheitlichen Auswirkungen von Corona „waren eine gewaltige Herausforderung für uns. Das war ein immenser Kraftakt“, sagt der Leiter des Gesundheitsamts, der in den vergangenen Monaten oft bis spät in die Nacht gearbeitet hat, um dann morgens um 7 Uhr schon wieder am Schreibtisch zu sitzen.

102 Ermittler im Einsatz

 Ein Stab von 311 Mitarbeitern aus dem gesamten Landratsamt war im März im Nu gebildet. Fast sämtliche anderen Aufgaben wurden heruntergefahren, damit auch die Kollegen aus anderen Abteilungen wie dem Veterinär-, dem Umwelt und dem Vermessungsamt uneingeschränkt mithelfen konnten.
102 Mitarbeiter waren allein mit Ermittlungen beschäftigt, das Bürgertelefon mit einem Hintergrundteam, das entscheiden musste, wer getestet werden sollte, musste eingerichtet werden. Über 12 300 Anrufe haben Rollers Kollegen bearbeitet. „Das Informationsbedürfnis war riesig. Und anfangs haben wir sogar selbst noch Abstriche gemacht“. Dann, in Abstimmung mit der Kreisärzteschaft, wurde ein mobiler Dienst mit einem Pool an aktiven und Ruhestandsärzten gebildet, die zu den Leuten nach Hause fuhren, um sie zu testen und schließlich wurden die beiden Abstrichzentren in Reutlingen und Münsingen eingerichtet. 12 600 Tests folgten.

Lange Wartezeiten bei Tests

Das größte Problem: Die Labor-Kapazitäten waren an ihre Grenzen gekommen. „Deshalb mussten manche Leute eine Woche auf ihr Ergebnis warten“, erklärt Roller und kann nur zu gut verstehen, dass da so mancher Bürger verärgert war. Tägliche Lagebesprechungen, Live-Streams unter anderem mit Ärzten und Kommunen und unendlich viele Nachsorgegespräche mit Erkrankten und Genesenen – all das hat das Landratsamts-Team in den vergangenen Wochen stemmen müssen. „Eine tolle Mannschaftsleistung“, lobt Roller und ist gleichzeitig froh, dass auch die große Mehrheit der Bürger sich bislang äußerst vernünftig verhalten hat.

Es gibt Verbesserungsbedarf

Allerdings sieht der Amtsleiter auch noch Verbesserungsbedarf mit Blick auf weitere Pandemien und vor allem eine zweite Corona-Welle, die er für äußerst wahrscheinlich hält. „Die Infektionshygiene in Alten- und Pflegeheimen wurde über alles gestellt. Deshalb waren die Bewohner dort komplett isoliert. Das darf nicht noch einmal passieren“, sagt Roller und betont, wie wichtig es sei, jetzt ein psychosoziales Konzept zu erarbeiten.
Doch auch in anderer Hinsicht laufen die Vorbereitungen auf eine zweite Welle und weitere Pandemien im Landratsamt auf Hochtouren. Mittlerweile ist der Corona-Stab wegen stark zurückgehender Fallzahlen zwar wieder erheblich geschrumpft, nun aber möchte Roller eine Pandemie-Einheit bilden, der im Regelbetrieb drei bis vier Mitarbeiter angehören. Sie sollen vor allem proaktiv werden und dauerhaft ambulante und stationäre Einrichtungen beraten. Sie könnten unter anderem individuelle Hygiene-Konzepte für Pflegeheime erarbeiten.

Fünf Eskalationsstufen des Kreisgesundheitsamt

Sollte eine neue Pandemiewelle über den Landkreis rollen, wird das Kreisgesundheitsamt mit fünf Eskalationsstufen arbeiten, die jeweils mit einer gewissen Personalzahl hinterlegt sind. Je nachdem wie viele Menschen infiziert sind und wie viele Kontaktpersonen es gibt, wird eine zuvor definierte Zahl  an Ermittlern die Arbeit aufnehmen.
„Damit sind wir wirklich sehr gut vorbereitet. Der Vorteil ist, dass das alles auf Knopfdruck abrufbar ist“, sagt Roller. In Eskalationsstufe 1 zum  Beispiel werden 15 Mitarbeiter sofort eingesetzt, in Stufe 5 sind es 115.

In welche Stufe würde man die vergangenen Corona-Monate einordnen?

„Drei bis vier. In Hoch-Zeiten waren wir auch in Stufe 5“, meint der Chef des Kreisgesundheitsamts, der glaubt, dass die Infizierten-Zahlen im Herbst, wenn die Leute sich weniger im Freien aufhalten werden, wieder steigen. Spätestens dann, hofft er, sind auch die neuen Kollegen für den Regelbetrieb der Pandemie-Einheit eingearbeitet. Mit allzu großer Sorge sieht Roller die nahende zweite Welle allerdings nicht. Denn: „Wir haben jetzt im Vorfeld alles, was man nach menschlichem Ermessen tun kann, getan.“