Reutlingen Classic Open Air im Stadion

Forum der jungen Stimmen: So lautete das Motto beim Classic Open Air unter Martin Künstner.
Forum der jungen Stimmen: So lautete das Motto beim Classic Open Air unter Martin Künstner. © Foto: Marinko Belanov
Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 25.07.2016
Ein „Festival der jungen Stimmen“: Dem Erfolg des 15. Classic Open Airs unter Martin Künstner konnten auch Gewitter und Wolkenbruch nichts anhaben.

So ein Riesen-Event kann man nicht einfach ins Wasser fallen lassen; man hatte sich klug auf alle Eventualitäten eingestellt.

Als das abzusehende Gewitter sich am Ende des ersten Teils entlud, wurde kurz das Rasenparkett auf die Tribüne evakuiert und die Pause verschoben. Hauptsache, alle saßen im Trockenen! Die dramatischen Wolken passten gut zur Klage des Orpheus, das Rauschen des Regens mischte sich in die Chorklänge von Gluck.

Es gehört zur Tradition der „Classic Night“, neben den Gast-Stars immer auch Nachwuchssänger, möglichst aus der Region, zu engagieren. Dieses Mal kamen nur junge Stimmen zum Zuge: Jan Jerlitschka (nunmehr Altus), Solist des Reutlinger Knabenchors capella vocalis, die slowenische Sopranistin Maja Majcen Nadu und ihr Landsmann Sebastjan Podbregar (Tenor), beide studieren in Stuttgart.

Die andern zwei waren weitere Sänger aus dem Land: die Mezzosopranistin Kathrin Leidig, seit 2010 im Ensemble der Oper Bonn, und der Bariton Simon Stricker, ausgebildet bei Thomas Quasthoff.

Konnte man es als jugendliche Mutprobe verbuchen, dass sich Maja Majcen Nadu ausgerechnet an Mozarts höllischer Arie der Königin der Nacht versuchte, gelangen ansonsten reife Leistungen, ob barock, frühklassisch, aus dem Musical-Bereich oder – vielfach – romantisch; das Thema der unglücklich Liebenden grundierte das ganze Programm.

Es braucht Können, die isolierten Einzelnummern zu fesselnden Szenen zu machen; dabei leisteten die jungen Sänger/innen Erstaunliches. Kathrin Leidig brillierte zudem mit einer wunderbar leichten französischen Arie (Gounod), und Simon Stricker wurde – zu Recht – für sein „Lied an den Abendstern“ (Wagner) bejubelt. Es wurde textbewusst gestaltet, Emotion und Dramatik herausgearbeitet. Daneben machten sich die im deutschen Sagenwald („Freischütz“) angesiedelten Stücke mit Chor und Hörnerklang prächtig vor der Naturkulisse.

Opernfans konnten ein vergessenes Schlüsselwerk der Romantik wiederentdecken: „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner mit seinem durchgehenden Ineinander von Solisten, Chor und Orchester.

In dem gewählten Auszug streitet der Geisterfürst mit seiner Mutter und den Erdgeistern darum, Welt und Liebe zu erkunden. Maja Majcen Nadu und Simon Stricker zogen das Ohr so tief in ihre Darstellung hinein, dass man gern mehr gehört hätte.

Die musikalische Stammbelegschaft der Classic Night, nämlich der große Chor aus Betzinger Sängerschaft und Philharmonia Chor sowie das Orchester der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, trugen den Verlauf durch ihre bekannt hohe, Freiluft-erprobte Qualität, dirigiert vom nimmermüd’ inspirierenden Martin Künstner.

Abgesehen von einem wackeligen Einsatz und einer kleinen Intonationskrise der Holzbläser sowie der (wie meistens) zu kleinen Besetzung der Männerstimmen gab es nichts zu bemäkeln, die Chöre bewährten sich erneut als schlagkräftiger, klangschöner Opernchor.

Sich jedesmal etwas Neues für die Verbindung von Musik und Feuerwerk einfallen zu lassen, ist schwer. Was nimmt man etwa zu den zarten Klängen des Pachelbel-Kanons? Ein Ballett der goldenen Gasflammen – welch hübsche Idee!

Während die Raketen-Kracher zu dem ruhigen „When you believe“ etwas deplatziert wirkten, setzten sie zu dem Film-Schlachtenlärm aus „First Knight“ einen angemessen fulminanten Schlusspunkt.

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