Reutlingen Chance oder neue Belastung?

Die geplante Dietwegtrasse soll den Scheibengipfeltunnel mit der B 464 (dem Zubringer zur B 27) verbinden und die Gewerbegebiete im Laisen ebenfalls an das Verkehrsnetz anschließen.
Die geplante Dietwegtrasse soll den Scheibengipfeltunnel mit der B 464 (dem Zubringer zur B 27) verbinden und die Gewerbegebiete im Laisen ebenfalls an das Verkehrsnetz anschließen. © Foto: Stadt Reutlingen
Reutlingen / Carola Eissler 20.07.2018

Für die einen ist es eine einmalige Chance, den Verkehr aus Sondelfingen, aus dem Storlach und aus dem Industriegebiet Laisen heraus zu bekommen beziehungsweise wichtige dortige Industrie- und Gewerbegebiete an die B 464 anzuschließen. Für die anderen ist es ein weiterer Straßenbau, der Verkehr erst recht anzieht. Zu Letzteren gehören die beiden Fraktionen der Grünen und Linken im Reutlinger Gemeinderat, die sich gegen eine Planung des Bundes aussprachen. Eine Mehrheit bekam ihre Position nicht, CDU, FWV, FDP, SPD und WiR gaben grünes Licht für einen entsprechenden Planungsbeginn durch das Regierungspräsidium noch in diesem Jahr. SPD-Gemeinderätin Edeltraud Stiedl scherte aus ihrer Fraktion aus und betonte, der Dietweg sei ihr als ein Naherholungsgebiet zu bedeutend, für eine solche Planung könne sie aus persönlichen Gründen nicht stimmen. So sah es auch Ute Beckmann (WiR), die ebenfalls dagegen stimmte.

Ende 2016 hatte der Bundestag die Ortsumfahrung Reutlingen/B 464 in den vordringlichen Bedarf eingestuft. Die Kosten von 46,9 Millionen Euro  für die rund 2,5 Kilometer lange Strecke übernehmen Bund und Land, für die Stadt entstehen keine Kosten. Noch in diesem Jahr will das Regierungspräsidium mit den Planungen beginnen. Die Trasse ist zweispurig mit Brücke und Tunnel geplant. Bereits im Mai 2007 hatte der Gemeinderat beschlossen, die so genannte „Dietwegtrasse“ als Netzergänzung für die Ortsdurchfahrt Reutlingen zu werten. Dann kam der Scheibengipfeltunnel und die Dietwegtrasse wurde auf Eis gelegt. Jetzt wäre die Trasse das noch fehlende Verbindungsstück zwischen Scheibengipfeltunnel und dem Anschluss in Richtung Stuttgart.

Anders als beim Scheibengipfeltunnel wird die Dietwegtrasse durch die bestehenden Siedlungen und die offene Landschaft verlaufen. Die Stadtverwaltung spricht deshalb davon, dass eine „durchdachte und realisierbare Planung aus einem Guss“ erwartet werde. Eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit habe oberste Priorität, heißt es bei der Stadt. Ganz neue Chancen erhoffen sich Stadt und Gemeinderäte zudem für das Industriegebiet Laisen, das dann an die neue Trasse angeschlossen werden könnte.

Die Dietwegtrasse steht bereits seit vielen Jahren im Fokus. Zur Sitzung des Gemeinderats am Donnerstag fanden sich dann auch rund 40 Bürger der Bürgerinitiative „Keine Dietwegtrasse“ ein. Sie befürchten, dass noch mehr Verkehr angezogen wird.

Oberbürgermeisterin Barbara Bosch betonte im Gemeinderat, der jetzige Beschluss sei kein Widerspruch zur Beschlussfassung von 2007. Man habe damals die Dietwegtrasse zugunsten des Scheibengipfeltunnels zurückgestellt. „Mit dieser Trasse schaffen wir für unseren Wirtschaftsstandort gute Voraussetzungen.“

Hagen Kluck (FDP) war der Ansicht: „Wenn der Bund diese Straße bauen will, sollten wir uns nicht verschließen.“ Eine Aussage, die das Missfallen von Holger Bergmann (Grüne) hervorrief. Es könne ja wohl nicht sein, dass die Stadt das mache, was der Bund wolle. „Der Gemeinderat macht eine Kehrtwende zum einstigen Beschluss.“ Die Grünen lehnen die Dietwegtrasse ab, verdeutlichte Bergmann. „Größere Straßen ziehen mehr Verkehr an. Der Bürger sieht, dass eine Verkehrslawine auf ihn zurollt.“ Bergmanns Vorschlag: Der dreispurige Ausbau der B 312 an Metzingen vorbei.

Helmut Treutlein (SPD) sieht den Nutzen der Dietwegtrasse aus einer ganz anderen Perspektive. „Uns geht es nicht darum, wie man von Pfullingen schnell nach Stuttgart kommt.“ Reutlingen sei eine wachsende Stadt, die meisten Neubürger ziehen in die Kernstadt. Gleichzeitig entstehen im Laisen mehr Arbeitsplätze, weshalb das Gewerbegebiet optimal angeschlossen werden müsse. „Es geht uns nicht um eine Schnellfahrstrecke, sondern um eine Straße mit Erschließungsfunktion.“

Schwere Bedenken gegen die Dietwegtrasse äußerte Rüdiger Weckmann (Linke). Die Stadt werde immer lebensunfreundlicher, beklagte er. Gerade jetzt, wo man richtige Schritte in Richtung Radverkehr mache, wolle man eine Straße bauen. „Das darf ja wohl nicht wahr sein.“ Professor Dr. Jürgen Straub (WiR) sieht die Straße dagegen als Chance für den Storlach und die dortigen Wohngebiete.

Rainer Löffler (CDU) erinnerte das Gremium daran, dass die Luftreinhaltung das zentrale Thema sei. Der Verkehr suche sich seinen Weg über Orschel-Hagen. Die jetzt geplante Verbindung zwischen Scheibengipfeltunnel und B 464 sei deshalb die richtige Entscheidung. In Bezug auf das Betz-Areal, das jetzt zum Gewerbegebiet entwickelt werde, könne doch keiner wollen, dass der gesamte Verkehr durch die Stadt rolle. „Die Planungs- und Baukosten werden zu 100 Prozent vom Bund übernommen. Das ist eine einmalige Chance.“

Bürgerinitiative „Keine Dietwegtrasse“

Rund 40 Bürger der Bürgerinitiative „Keine Dietwegtrasse“ fanden sich am Donnerstagabend im Ratssaal ein, um bei der Bürgerfragestunde Fragen an die Verwaltung zu richten und ihre Position zu verdeutlichen. „Wir wollen zeigen, dass es uns noch gibt“, sagte Andreas Bosch von der Bürgerinitiative. Es sei höchste Zeit, Flagge zu zeigen. Helmut Berger, der schon von Anfang an zur BI gehört, sagte: „Sie können so viele Straßen bauen wie Sie wollen. Sie können den heutigen Verkehr nicht bewältigen.“ Am Sonntag, 22. Juli, um 17 Uhr, trifft sich die BI zum Dietweg-Spaziergang. Treffpunkt ist auf der Wendeplatte des Dietwegs an der Rommelsbacher Straße.

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