Wer durch den Reutlinger Bürgerpark geht, sieht wohl das historische Krankenhäusle mit den Backsteinziegeln. Aber ahnt er auch, dass hier auf diesem Areal Diakonie- und Industriegeschichte geschrieben wurde? Um dafür zu sensibilisieren und den Blick für die sozialen Errungenschaften des Reutlingers Gustav Werner zu schärfen, haben Stadt und Bruderhaus-Diakonie nun in gemeinsamer Arbeit einen Erinnerungspfad durch den Bürgerpark mit sieben Stelen und zwei Erinnerungstafeln angelegt. „Es war uns ein wichtiges Anliegen, auf diesem historischen Grund an die Diakonie- und Industriegeschichte Gustav Werners zu erinnern“, sagt Bürgermeister Robert Hahn. 38 000 Euro hat die Stadt für den Erinnerungspfad investiert. Die Tafeln geben an den beiden Eingängen zum Bürgerpark oben an der Stadthalle und weiter unten am ehemaligen Echazwehr einen Überblick über die einstigen Industriebauten und sozialen Einrichtungen, die hier standen. Die Stelen nehmen den Interessierten mit hinein in die bedeutende Geschichte Gustav Werners, zeichnen seinen Lebensweg und sein von christlicher Nächstenliebe geprägtes Wirken nach.

Hahn erinnert daran, dass vor 168 Jahren das gesamte Areal die „Keimzelle der Sozial- und Industriegeschichte der Stadt war“. Der Vorstandsvorsitzende der Bruderhaus-Diakonie, Pfarrer Lothar Bauer, spricht von einer „sehr besonderen Geschichte“, die sich hier in Reutlingen vollzogen hat. Werner habe stets die drei Worte Liebe, Gerechtigkeit und Haushalterschaft als Maxime für sein Leben genommen. Er habe seine Mitmenschen dazu aufgefordert, treue und kluge Haushalter zu sein, so wie es auch in der Bibel stehe. Gerade die Frage nach Konsum und Konsumverzicht sei heute wieder aktueller denn je.

1850 die Braun’sche Mühle gekauft

Gustav Werner kaufte 1850 die Braun’sche Mühle und begann damit sein Werk in Reutlingen. Er sah, dass er die Industrialisierung nicht aufhalten konnte und wollte deshalb im Rahmen der Industrialisierung Gutes bewirken. In nur wenigen Jahren baute er auf dem gesamten Areal, wo heute Stadthalle und Bürgerpark beheimatet sind, eine große Schwerindustrie auf, schuf zahlreiche Arbeitsplätze, errichtete soziale und diakonische Einrichtungen, ein Kinderhaus, eine Lehrwerkstatt, landwirtschaftliche Betriebe. 1863 lernten sich Gottlieb Daimler und der Waisenjunge Wilhelm Maybach in den Werner’schen Einrichtungen kennen und schrieben fortan Automobilgeschichte. 

„Das gesamte Ausmaß des Geländes und der Anlagen vor den Toren der Stadt kann man sich heute kaum noch vorstellen“, sagt Dr. Martina Schröder vom Reutlinger Heimatmuseum. Der Inbegriff protestantischer Ethik und deren Auswirkungen werden nirgends so deutlich wie in Reutlingen. Die Papierfabrik, mit der alles angefangen hatte, wurde später nach Dettingen verlagert, weil die Echaz nicht das nötige Gefälle hatte. Überdies wollte Werner den Menschen aus dem  „armen Dorf Dettingen“ Arbeit verschaffen.

Wollte Menschen aus Dettingen zu Arbeit verhelfen

Dies alles und noch viel mehr sollen die Besucher und Spaziergänger im Bürgerpark erfahren. Als ein Fenster in die Vergangenheit bezeichnete Andrea Sliwka vom Amt für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt die neue Installation. „Die Stelen sind identitätsstiftend“, ist sie überzeugt. Und sie ergänzen zudem das bereits seit vergangenem Jahr eröffnete kleine Museum im Krankenhäusle, wo ebenfalls tief in die Geschichte der Werner’schen Anstalten eingetaucht wird. Die 1000. Besucherin konnte Ende März empfangen werden, außerdem wurde inzwischen eine Museumsrallye erarbeitet und immer mehr Grundschulklassen interessieren sich für die Geschichte des Reutlinger Sozialreformers Gustav Werner.

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Stelen und zwei Erinnerungstafeln wurden jetzt im Reutlinger Bürgerpark installiert, um die Industrie- und Sozialgeschichte Gustav Werners und seiner Fabriken nachzuzeichnen.