Rund 1300 Besucher kamen am Dreikönigstag zum traditionellen Bürgerempfang der Stadt Reutlingen. Weitaus mehr als in den vergangenen Jahren. Was Oberbürgermeister Thomas Keck, der seit neun Monaten im Amt ist, zu der Spekulation trieb, ob wohl die Neugier, „wie sich der Neue denn so schlägt“ dazu beigetragen habe.

Stadtbus-Finanzierung

Keck blickte in seiner Rede auf die vergangenen Monate zurück und darauf, was sich in der Stadt verändert hat. Da ist zunächst das neue Stadtbusnetz, das jetzt eine echte Alternative zum Auto biete, sagte Keck. „Die Kinderkrankheiten, mit denen wir anfangs zu kämpfen hatten, werden weniger, und ich verspreche Ihnen, dass wir den Rest auch noch hinkriegen.“ Das 365-Euro-Ticket sei bereits ein Verkaufsschlager. Die Stadt arbeite derzeit daran, die weitere Finanzierung nach Ende der Förderung auf die Beine zu stellen. Im Bereich der Kinderbetreuung seien 895 neue Plätze entstanden und auch fürs Hotel im Bürgerpark habe man die Weichen gestellt. „Ich bin nach wie vor überzeugt, dass vom Parkhotel nicht nur die Stadthalle, sondern die ganze Stadt profitieren wird.“ Mit dem Unternehmer Scheidtweiler, dem Architekten Dudler und dem regionalen Architekturbüro Hartmaier und Partner habe man ein kompetentes Trio für die Realisierung gefunden. Auch bei der Sanierung der historischen Häuserzeile in der Oberamteistraße sei man weitergekommen, ebenso bei der Entwicklung des Gewerbeareals RTunlimited. Sein Wahlkampfversprechen, die Einrichtung einer „Task Force Radverkehr“, habe er eingelöst, sagte Keck. Derzeit werde eifrig an der Radstadt Reutlingen gestrickt. „Nicht alles ist machbar, nicht alles sofort umsetzbar, nicht alles gefällt allen Verkehrsteilnehmern.“

Klimaschutz

Keck blickte auf Veränderungen, denen sich die moderne Gesellschaft gegenübersehe. Man spreche von Smart Manufacturing und Smart City, Berufe verändern sich und die digitale Revolution lasse keinen Lebensbereich aus. Das könne Angst machen. Aber er, Keck, zähle sich zu jenen, die überzeugt seien, dass die digitale Welt mehr Chancen, mehr Lebensqualität und Zeit biete. Eine der größten Herausforderungen sei der Klimaschutz. Derzeit setze man zusätzliche Maßnahmen um, um ein Dieselfahrverbot zu vermeiden: Zum einen die temporäre Reduzierung einer Fahrspur in der Lederstraße, zum anderen die Erneuerung der Lärmschutzwand zwischen den Gebäuden Lederstraße 84 und 86. Das mache man nicht, um Autofahrer zu ärgern, sondern weil man an gerichtliche Auflagen gebunden sei.

Autofreie Altstadt?

„Die Verkehrswende muss kommen und sie wird kommen.“ Die kurz- und mittelfristigen Maßnahmen gehen, so Keck, zu Lasten des Autoverkehrs. „Da will ich Ihnen gar nichts vormachen.“ Deshalb wolle man auch in diesem Jahr noch über eine autofreie Altstadt sprechen. Nachhaltigkeit und Klimaschutz stünden ganz oben auf der städtischen Agenda. Das Ziel sei ein klimaneutrales Reutlingen bis 2035. „Um dieses Ziel zu erreichen wollen wir unter anderem in diesem Jahr die Weichen stellen für ein städtisches Klimaschutzamt.“. Reutlingen solle in Sachen Luftreinhaltung Vorbildfunktion für andere Städte haben. „Nicht zuletzt wollen wir aber auch kritisch hinterfragen, ob wir am Jahresende wirklich ein extrem feinstaublastiges Feuerwerk brauchen, oder ob wir das neue Jahr nicht auf klimafreundlichere Weise begrüßen können.“ Zur Nachhaltigkeit zählen für Keck auch nachhaltige Finanzen. Er wünsche sich deshalb mehr Einfluss der kommunalen Spitzenverbände auf die Bundes- und Landespolitik.

Keck schwor zum Ende seiner Rede die Reutlinger darauf ein, „an einem Strang zu ziehen“. In der Bürgerschaft sei viel Potenzial vorhanden. Und Gemeinwesen bedeute, dass jeder Bürger nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten habe.

Umrahmt vom Bläserquintett der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und vom Knabenchor capella vocalis Reutlingen konnte Keck drei Bürgermedaillen verliehen (siehe extra Artikel) bevor der Stehempfang, zu dem die Bäckerei Berger wieder das Gebäck gespendet hatte, zu Gesprächen und Small Talk einlud.

Drei Auszeichnungen: Bürgermedaillen für verdiente Bürger


Erika Mollenkopf, Dr. Renate Overbeck und Jörg Steinegger wurden beim Bürgerempfang für ihre ehrenamtlichen Verdienste mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. Es seien drei Personen, die einen Großteil ihrer Freizeit mit „höchst fruchtbarer Feldarbeit“ verbracht haben oder noch verbringen, lobte Oberbürgermeister Thomas Keck in seiner Laudatio.

Erika Mollenkopf hat sich 27 Jahre lang bei der AWO Reutlingen engagiert und sich dabei vor allem für Obdachlose und sozial Schwache eingesetzt. Ob in der Notübernachtungsstelle, im Männeraufnahmehaus oder im Tagestreff: Bald wurde überall von „Mama Erika“ gesprochen. Als gelernte Altenpflegerin und ehemalige Kneipenwirtin brachte Erika Mollenkopf nicht nur Kompetenz und Erfahrung mit, „sondern auch ein großes Herz“, so Keck. Sie habe „immer den Menschen gesehen“, egal wer bei der AWO ankam. Sie hatte ein Ohr für die Nöte der Hilfesuchenden und habe unermüdlich Trost und Zuspruch gespendet. Erika Mollenkopf, inzwischen 77 Jahre alt, hat erst im vergangenen Jahr ihre ehrenamtliche Arbeit niedergelegt.

Dr. Renate Overbeck war die am längsten amtierende Vorsitzende der Freunde der Stadtbibliothek. Von 2006 bis 2017 war sie Erste Vorsitzende, von 2017 bis 2019 Stellvertreterin. Unter ihrer hochengagierten Leitung habe sich der Verein bestens entwickelt, sagte Keck, die Mitgliederzahl habe sich fast verdoppelt. Die Freunde der Stadtbibliothek veranstalten Lesungen, Vorträge, von der „Hellblauen Stunde“ bis zu den Sommerlesungen und engagieren sich im Bereich der Bibliothekspolitik. Neben der Leseförderung für Kinder lag Overbeck besonders die Literaturförderung am Herzen.

Jörg Steinegger engagiert sich auf dem Fußballfeld. Beim TSV Betzingen ist er eine unverzichtbare Stütze der Fußballabteilung. Er koordiniert die Jugendmannschaften, leitet das Fußballcamp im Sommer. Zudem ist er einer der „Urväter“ des Betzi-Cups, wie Keck in seiner Rede betonte. Das Wichtigste sei aber der Verein Streetsport Neckar-Alb, vor 18 Jahren von Steinegger ins Leben gerufen als Präventionsprojekt gegen Gewalt. Der Polizeibeamte Steinegger ist seither Vorsitzender „und rühriger Allrounder“, so Keck. Ziel des Projektes sei es, durch sinnvolle sportliche Freizeitgestaltung Kinder stark zu machen. Carola Eissler