Für Christen aus dem In- und angrenzenden Ausland war es das Großereignis schlechthin. Allein 300 000 Besucher kamen zum Abend der Begegnung auf den Schlossplatz, 30 000 Anhänger lauschten am Donnerstag den deutschsprachigen Liedern der Vocal-Popband Wise Guys und rund 9000 Christen interessierten sich trotz brütender Hitze für den Vortrag von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Thema "Digital und klug?".

Kein Wunder, dass der zum vierten Mal in Stuttgart ausgetragene Kirchentag mit seinem Motto "Damit wir klug werden" auch nach Reutlingen und die Region ausstrahlte. Zahlreiche Gruppen, Pfarrer, Prälaten, Wissenschaftler und Künstler aus der Region beteiligten sich an dem Programm, das mit insgesamt 2 500 Veranstaltungen lockte. Gefragt waren bei tropischen Temperaturen am Freitag und Samstag vor allem Gotteshäuser und klimatisierte Säle wie die Lieder- oder Schleyerhalle, aber auch die Open-Air-Veranstaltungen waren sehr gut besucht. So etwa das Konzert des Wannweiler Vikars Martin Ergenzinger auf der Bühne im Oberen Schlossgarten, der mit seinem fünfköpfigen Bandprojekt "Deine Ludder" überlieferte Luther-Choräle neu, reformiert und rockig interpretierte.

Ebenfalls am Freitag widmete sich der Reutlinger Pfarrer Martin Enz in einem Literaturgottesdienst im Gemeindezentrum St. Rupert dem Thema Sterbehilfe. Des Weiteren wurde die Region durch den Leiter der Reutlinger Prälatur, Dr. Christian Rose, die Tübinger Pfarrerinnen Susanne Wolf und Elke Maihöfer sowie die Tübinger Tropen-Ärztinnen Dr. Gisela Schneider und Dr. Beate Jacob, den Tübinger Medienwissenschaftler Dr. Bernhard Pörksen und seinen Kollegen, den Professor für Friedensforschung Dr. Andreas Hasenclever, vertreten. Echte Spezialitäten aus der Region präsentierte die Reutlinger Neue Marienkirchengemeinde am Abend der Begegnung in der unteren Königstraße, wo die Besucher mit Riesenwürfeln um frisch gebackene Mutscheln würfeln konnten.

Ebenfalls mit einem Stand in der Königstraße war die Pfullinger Martinskirche vertreten, die die Kirchentagsbesucher mit dem traditionellen Mürbteiggebäck "Bubenschenkel" und Apfelsaft von Pfullinger Streuobstwiesen versorgte. Kulinarisches gab es auch von der Kirchengemeinde Pfronstetten-Ödenwaldstetten und der Kirchengemeinde Donnstetten-Westerheim. Der Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen widmete sich dem Thema "Beweidung auf der Albhochfläche" und zeigte an seinem Stand unter anderem Schritte der Wollverarbeitung. Natürlich war auch die Bruderhaus-Diakonie beim Kirchentag vertreten: Sie stellte ihre "inklusiven Wohnangebote" auf dem Markt der Möglichkeiten vor und das integrative Theaterensemble zeigte im Theaterhaus das Stück "Gustav Werner: Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert".

Ein Kirchentag ist eine ideale Plattform für vielerlei Auftritte, selbst die Kultur aus der Region kam nicht zu kurz: Die Württembergische Philharmonie Reutlingen stellte zusammen mit der Gächinger Kantorei die Uraufführung ihres Werkes "Sacred Vessel" von Martin Smolka in der Liederhalle vor, die Reutlinger Band Siebensinn spielte im Schlossgarten "Rocksongs, die unser Leben begleiten" und der Gönninger Liedermacher Thomas Felder redete und sang bei einem Konzert und anschließender Podiumsdiskussion zum Thema "Demokratie klug leben" auf dem Marktplatz über das Bauprojekt "Stuttgart 21" Klartext: "Dieses Szenario, das uns in den nächsten 20 Jahren zugemutet wird, ist reiner Vandalismus von oben herab verordnet", lästerte er und sieht "unsere Demokratie in einem desolaten Zustand".

Ansonsten war das Christenfest überwiegend von versöhnlichen Worten und einer harmonisch-entspannten Atmosphäre geprägt. Zwar setzten die hohen Außentemperaturen von über 30 Grad und die außerordentlich gut besuchten Veranstaltungen den Teilnehmern zu, die Kirchentagsorganisation reagierte aber schnell und stellte acht Trinkbars und 230 000 kostenlose Flaschen Wasser zur Verfügung.