Reutlingen Bruchstücke und Scherben der Erinnerung

Reutlingen / MARIE-LOUISE ABELE 20.09.2012
Es ist die kraftvolle Dichte, auch das Düstere: Gabriele Seeger gibt mit der Ausstellung "Heimat(lich)" in der Pupille Einblicke in innere Welten.

In Gabriele Seegers großformatiger Malerei ist der Grundtenor meist schwarz. Es deckt zu, es bewahrt, verbirgt, gibt nichts preis. Auch eine Traurigkeit, eine Melancholie verbirgt sich darin, die sich selbst durch die zaghafte Hinwendung zu leisen Farben nicht wegwischen lässt. Mit der Ausstellung "Heimat(lich)" lädt die Reutlinger Künstlerin Gabriele Seeger ein, ihre Sicht der Dinge zu betrachten. Exil und Heimat sind seit jeher Seegers Hauptthemen. "Findlinge, Bruchstücke und Scherben der Erinnerung", wie es Clemens Ottnad in seiner Einführung nennt, werden verarbeitet. Zu sehen sind Werke wie "Albtraum", "Sturmwarnung", "Heimkehr" und "Verhüllter Tag", alles Schlaglichter einer Gedankenwelt aus Erzählungen, Erfahrungen und der Geschichte, entstanden Schicht um Schicht, Gedanke um Gedanke.

Großen Einfluss auf ihre verschlüsselte Malerei hat stets die eigene Herkunft, die innere Heimat, zum einen der Familienzweig aus Lettland, zum anderen der der Hugenotten. Zwei Verbindungen im Exil bieten verwunschene Geschichten, die ihr als Kind immer wieder erzählt wurden und sich im Kopf in den Jahren verselbstständigten.

Doch nicht nur die Orte sind ihre Themen, vor allem Menschen beeinflussen die Künstlerin, 1949 in Überlingen geboren, in ihrem Tun, Menschen und deren Schicksale wie Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung. "Es sind die Mythen, die mich erneut oder immer wieder gefangen nehmen. Die Mythen, die sich in Bildern verdichten, deren Botschaft oft kryptisch bleibt", sagt Gabriele Seeger selbst.

Archaische Formen und Gebilde sind in ihrer Kunst keine Seltenheit: vor allem das Motiv der Gefäße, Krüge und Behältnisse. "Mal solide fest stehend, mal kippend und kopfüber Inhalte verschüttend, mal dickwandigere und mal zerbrechliche, filigrane", sagt Ottnad. Früher noch als Keramikerin tätig, kam sie an einen Punkt, sich besser mit dem Pinsel und Farbe ausdrücken zu können, heute in Öl und Acryl. Erdtöne wie Braun, ein tiefes Blau und dann das Schwarz, sehr selten Rot und wenig kleinere Aufhellungen durch Weiß-Ocker-Gemisch werden verwendet. Hier und da greift sie zum Bild-in-Bild-Motiv, dabei umschließt ein großer, dunkler Rand die helle, aussagekräftige Mitte, wie zum Beispiel in ihren Bildern "Verhüllter Tag" oder "Sprachgitter, für die Pfullinger Klarissen". Hier sind Schriftzeichen zu erkennen, Kirchenfensterbögen, das Gitter und Münder, die flüsternd erzählen. Woanders entdeckt sie ihren Lebensraum, in Lichtenstein, die B 312 entlang, Häuser an Straßen, und "Unterm Birnbaum" oder das "Kirschblütenfest" mit seinen zartrosa und weißen Blüten eingebettet in dunkle Zeichen und Symbole.

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