Lauter, energiegeladener RocknRoll klopft nicht an. Er fragt nicht, ob er willkommen ist. Lauter RocknRoll macht sich einfach breit und bleibt. Nach diesem Prinzip verfuhr im England der späten 1970er Jahre die Punkrockband "Ian Dury and the Blockheads", die mit Hits wie "Sex and Drugs and RocknRoll" und "Hit me with your Rhythm Stick" Margaret Thatchers Vereinigtes Königreich schockierte.

Genau dieses sehr britische und aufmüpfige Verständnis von RocknRoll hat sich auch die "Graeae Theatre Company", die aus London kommt, zum Vorbild genommen. Die 13 Bandmitglieder sind alle große Fans des im Jahr 2000 verstorbenen Sängers und Songwriters Ian Dury, der wegen seines unverwechselbaren Cockney-Akzents, der unmoralischen Texte und seiner klamaukhaften Liveshows weit über England hinaus bekannt worden ist. Zudem war er seit seinem siebten Lebensjahr aufgrund einer Kinderlähmung gehbehindert, was ihn aber nicht daran hinderte, mit viel Selbst- und Sendungsbewusstsein die Konzerthallen zu rocken.

Unglaublich auch, wie viel Energie und Konzentration die Musiker der Graeae Theatre Company dafür aufwenden, ihrem Idol nachzueifern und seine Hits möglichst originalgetreu - das heißt "very british" - über die Bühnenrampe zu bringen. Da ist einerseits die typisch englische Mischung aus coolen Sprüchen und Frohsinn, die sich in einer sympathischen Jetzt-Kommen-Wir-Attitüde und ausgelassenem Herumalbern äußert. Da ist andererseits das Musikverständnis der Band: Ihr 80-minütiger Auftritt ist ein Paradebeispiel von britischer Proleten- und Mitgrölmusik mit Niveau. Die drei Frauen und zehn Männer sind sich selbst genug, hohe Politik und das ganze Establishment kümmert sie einen Dreck, so die Botschaft der Drei-Minuten-Punkrock-Hämmer.

Dazu fliegen Klopapier-Rollen über die Bühne, es wird Polonaise getanzt, und im Hintergrund laufen Video- und Trickfilme, die Bilder von den Blockheads und den 70er-Jahren zeigen. Wer ein Musical oder Theaterstück erwartet hat, wird gewiss enttäuscht sein. Dafür kommen Anhänger von schrägen und kauzigen Punk- und Freakshows auf ihre Kosten. Es wird abwechselnd oder gemeinsam gesungen, Gitarre, Bass, Orgel und Schlagzeug gespielt. Bereits nach kürzester Zeit wähnt man sich in einem außer Kontrolle geratenen Hexenkessel.

Dabei hat die Band ihr Konzert wie einen Gospel-Gottesdienst aufgebaut: erst der etwas ruhigere Pflichtteil, Zeit zum Warmwerden auf und vor der Bühne. Dann, in der zweiten Hälfte des Abends, kommen Kracher wie "Reasons to be cheerful, Part 3", "Wake up and make love with me" oder "Spasticus Autisticus", in dem Ian Dury einst über seine eigene Behinderung witzelte. Und als Höhepunkt und Zugaben noch einmal die größten Blockheads-Hits "Sex and Drugs and RocknRoll" und "Hit me with your Rhythm Stick". Die hingerotzte Melange aus Trash-Punk und RocknRoll lebt von der unbändigen Energie, die jeder der körperlich oder geistig behinderten Musiker ausstrahlt. Jedes Stück ist eine Demonstration, ein heftiges kleines Dynamikwunder. Ein provozierender Anschlag auf den Mainstream.

Nichts ist gewiss bei dieser Band, schon gar nicht die Mittel zur Handhabung eines Keyboards oder Saiteninstruments. Selten drosseln die 13 Musiker das Tempo und wenn, dann nur, um einem neuen, verrückten Einfall Raum zu geben.

Das gefällt nicht jedem im Publikum, aber das macht die Einzigartigkeit des Festivals "Kultur vom Rande" eben auch aus: Hier bekommt man eine Woche lang kein austauschbares Einerlei geboten, sondern muss sich durchaus auch auf ganz Ungewohntes einlassen.

Kultur vom Rande - eine kleine Festivalbilanz

Kultur vom Rande Dass das große Engagement und der Mut der Organisatoren am Ende belohnt wurden, beweist die überaus positive Bilanz des Festivals: Mehr als 6000 Besucher kamen zu insgesamt 80 Einzelveranstaltungen, und mehr als 800 Behinderte und Nichtbehinderte beteiligten sich an den 14 Workshops und an weiteren Mitmach-Aktionen.

Vielfalt "Das Programm war dieses Mal so vielfältig wie noch nie", betonte die künstlerische Leiterin Elisabeth Braun. Es habe sämtliche Facetten der Kulturarbeit im Programm gegeben. Neue Aspekte darunter seien das Thema Design, das in Auftrag gegebene Erlebnistheater und auch ein zusätzliches Theaterangebot für Kinder und Jugendliche unter professioneller Leitung, gewesen.

JS