Reutlingen Böllerdreck war ganz schnell weg

Die Stadt stattete die Ahmadiyyas mit Müllzangen und blauen Säcken aus - und los ging die Putzerei.
Die Stadt stattete die Ahmadiyyas mit Müllzangen und blauen Säcken aus - und los ging die Putzerei. © Foto: Jürgen Herdin
Reutlingen / JÜRGEN HERDIN 02.01.2015
Als viele Menschen am Neujahrstag noch schliefen, räumten über ein Dutzend junge Leute Volkspark und Pomologie von Überresten der Silvesterfeier auf. Das tun sie seit Jahr und Tag - ehrenamtlich.

Böller knallten und die Raketen erleuchteten zum neuen Jahr den Himmel. Noch eineinhalb Stunden nach Mitternacht meldete der Verkehrsfunk in Teilen Deutschlands Behinderungen wegen "Nebels und Rauch". Das galt für zumeist städtische Gebiete, in denen Windstille herrschte. Und dort stank es auch entsprechend.

Doch die Überbleibsel der nächtlichen Feier müssen auch weg, am besten so bald wie möglich. Während die Stadtreinigung am frühen Morgen schon am Omnibusbahnhof präsent war, hatten sich Jugendliche und junge Erwachsene der "Ahmadiyya Muslim Jamaat" von der Stadt mit Müllzangen und blauen Säcken ausstatten lassen, um ihren "ehrenvollen Dienst", den "Waqar-e-Amal" zu leisten.

Nach dem Morgengebet begaben sie sich ins verschneite Gelände und sammelten den Müll ein. Die reine Freude ist das nicht, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, mag man denken. Doch die Jugendlichen waren gut drauf, scherzten und transportierten einen Sack um den anderen ab - während die frühen Hunde-Gassi-Geher und Jogger respektvoll davon Notiz nahmen. Gegen 9 Uhr sah es auf der Pomologie und im Volkspark dann so aus, als hätte es die große Baller-Fete dort nicht gegeben.

Ahmadiyya ist als eine ausgesprochen friedvolle und tolerante islamische Glaubensgemeinschaft bekannt, eine Reformgemeinde, die in über 200 Ländern mit 278 Gemeinden vertreten ist. In Reutlingen hat sie auch einen Sitz. Die bundesweiten Putzaktionen gibt es seit 18 Jahren. "Ohne Gegenleistung: Das ist ein wichtiges Prinzip der "ehrenvollen Arbeit". Ahmadiyya, wegen ihres vermittelnden Wesens natürlich angefeindet von islamistischen Gruppierungen, will "Barrieren sozialer Unterschiede brechen und somit einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten", sagt der Reutlinger Ahmadiyya Nick Ghuman. Friedlich, tolerant, eingebunden in die Gesellschaft: Damit könnte Ahmaddyia - samt seiner Jugend - gerade mit Blick auf die rechtspopulistischen Pegida-Eiferer einen bemerkenswerten Kontrapunkt setzen, meinte ein Passant im Volkspark. Nicht nur beim Aufräumen von Silvester-Hinterlassenschaften auf der Reutlinger Pomologie und im Volkspark.