Reutlingen Blogger, Gamer, Hater und Dreamer

Mit den sozialen Medien befasst sich das neue Stück des Tonnejugendforums „like me“.
Mit den sozialen Medien befasst sich das neue Stück des Tonnejugendforums „like me“. © Foto: Theater Tonne
Von Kathrin Kipp 12.06.2018

Das tonnejugendforum hat sich unter der Regie von Sandra Omlor wieder mit einem Jugend-Thema auseinandergesetzt. In dem selbst geschriebenen Stück geht es um die sozialen und kulturellen Praktiken auf Facebook, Instagram und Snapchat. Wo ja nicht nur unter Jugendlichen stramme Kommunikations- und Verhaltensregeln herrschen, die eigentlich gar nicht so neu sind, nur vielleicht ein wenig krasser als früher in geschlossenen Gesellschaften: Über Mobbing, Spielsucht, Gefallsucht, Lügen, Intrigen und Getratsche und vor allem über das ständige, anonyme und offene Bewerten der anderen werden die strengen Verhaltenscodes permanent reproduziert. Kurzum: Folgt man dem Stück, so sind die Jugendlichen in den Sozialen Medien eigentlich noch viel spießiger, konkurrenzgeiler und mit noch mehr Kontrollzwang unterwegs als die Alten.

Wer bin ich?

„Like me“ setzt sich aus gespielten Szenen, stilisierten Choreos und vielsagender Pantomimik zusammen und erzählt die Netz-Geschichten mit lebendigem und angenehm unverstelltem Schauspiel. Aus dem Rollen-Universum der Sozialen Medien greifen sich die Nachwuchsschauspieler ein paar Typen heraus: Hannah (Emily Feimer) sieht mit ihren Katzenohren aus wie eine Snapchat-Foto-Montage und ist laut T-Shirt ein #singmylife-Girl, das mit viel mädchenhafter Aufregung ihren Traum verfolgt, eine berühmte Sängerin namens „Hope“ zu werden. Zunächst mit mäßigem Erfolg – auch am Klavier, wenn sie versucht, ihren ersten eigenen Song zu schreiben. Dabei geht’s immer um das große Jugend-Thema: Wer bin ich? Wie würde ich gerne sein? Und lässt sich das irgendwie miteinander verbinden?

Chanel – Lucille Gonzales als #Model – wiederum interessiert sich obsessiv für Mode und physische Selbstoptimierung, sie trainiert den ganzen Tag. Paola – #Fame – (Ayca Sengül) hat einen Lifestyle-Blog und ist dementsprechend oberflächlich und süchtig nach Likes und postet dafür allerlei Fake-Fotos, von einem Life, das sie gar nicht führt, mit „Happy Family“ und tollen Freunden. Sie versorgt ihre Follower mit Tipps und Tricks, damit sie auch so werden können wie sie, die sie ja gar nicht ist. In Wirklichkeit ist sie nämlich ganz einsam. #Ichsehalles-Jessica, ihre Ex-Freundin (Katharina Pticar), will sie öffentlich als Lügnerin entlarven. Damit Paola „wieder frei ist“, für das, was sie wirklich ist. Alle zusammen wiederum drangsalieren das Opfer der Mädels-Runde, #Fighter Carlotta (Yara Möck), die süchtige Gamerin, die von allen gemobbt wird: „Geh sterben“. Weil sie sich nicht wehrt. Am Schluss allerdings doch, und zwar mit ein paar gezielten Karate-Beinschwüngen.

Und so sitzen die Girls wie die Jünger am Abendmahlstisch und traktieren ihre Notebooks und Smartphones und inszenieren mit kreativen Ideen das allgemeine Posen, Mobben, die Selbstinszenierung oder den Shitstorm. Praktisch gar nicht präsent ist Shadi Shartouh, der #Ghost und Außenseiter, der sich als Flüchtling weder im Netz noch in der Realität artikulieren kann. Der aber vermutlich ganz andere Probleme hat als seine leicht überspannten Mitschülerinnen. Immer wieder streicht er traurig über die Bühne, beobachtet die anderen und versucht, Laute von sich zu geben, sozial und kommunikativ mitzuspielen. Erst gegen Ende lernt er, sich mitzuteilen: dass er Angst hatte, nach Deutschland zu kommen, aber jetzt unter anderem froh darüber ist, dass die Lehrer nicht so gewalttätig sind wie in seinem Herkunftsland.

Und so beschreibt das tonnejugendforum Freud und Leid in den Sozialen Medien, die Befindlichkeiten der Jugendlichen und die Regeln in Netz und Wirklichkeit: dass man zwar ein tausendfach geliketes Leben führen sollte, in einem perfekten Körper, aber gleichzeitig nicht faken darf: ein echtes Dilemma.

Weitere Termine für „like me“

Weitere Termine für „like me“ sind der 18. Juni (18 Uhr); 22. und 23. Juni (jeweils 20 Uhr); 24. Juni (18 Uhr) im Tonne-Spitalhofkeller.
Karten gibt es unter Telefon (0 71 21) 9 37 70 und im Internet unter www.theater-reutlingen.de.

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