2014 hatte eine damals 85-jährige Reutlingerin ihrer 13 Jahre jüngeren Schwester eine Generalvollmacht erteilt. Die damals 72-Jährige kümmerte sich fortan zusammen mit ihrer Tochter um die Verwandte, deren Gesundheitszustand sowohl körperlich als auch geistig immer mehr nachließ. Nicht so ihr Kontostand: „Als sie 2015 ins Pflegeheim musste, hatte sie ein Vermögen von knapp 200 000 Euro“, berichtete eine Zeugin vom Reutlinger Sozialamt am gestrigen Mittwoch vor dem Amtsgericht in der Achalmstadt. Ein Haufen Geld, oder anders ausgedrückt: „Ein beträchtliches Vermögen“, wie Richter Eberhard Hausch befand.

Polizei Reutlingen: 140 000 Euro verschwunden?

Von diesem Geld war allerdings im November 2018 nicht mehr viel vorhanden. Als nämlich die heute 46-jährige Tochter der Generalbevollmächtigten im November 2018 einen Antrag auf Sozialhilfe für die Tante stellte, waren nach Aussage der Sozialamtsmitarbeiterin gerade mal noch 15 000 Euro vorhanden. Und der Rest des einstigen Vermögens? Nach Aussage von Staatsanwalt Schumann sind rund 55 000 Euro für die Kosten des Pflegeheims verwendet worden. Dann hätten aber immer noch etwa 140 000 Euro vorhanden sein müssen. Die 46-jährige Angeklagte betonte, dass sie der Tante immer wieder Süßigkeiten, Chips, Karamalz und anderes mehr gebracht habe, „weil es mit ihr sehr schwierig mit dem Essen war“, sagte auch eine Fachkraft aus dem Pflegeheim der Tante.

Amtgericht: 3000 Euro pro Monat abgehoben

„Für das Geld hätte man viel Karamalz bringen können“, schlussfolgerte allerdings Richter Hausch. Und die Nichte der Hochbetagten gestand auch freimütig ein, dass sie für sich, ihre Kinder und auch ihre Mutter immer wieder Geld aus dem Konto entnommen hatte. Das sei aber ganz im Sinn der Tante gewesen, betonte die Angeklagte. Einen Zuschuss zu einem Auto in Höhe von 6000 Euro? Kein Problem. Schließlich musste die Nichte ja auch irgendwie ins Pflegeheim kommen, um die Tante zu besuchen. Und auch um sie zu duschen, wie die 46-Jährige betonte. Die Pflegerin bestätigte das und das Gericht bestätigte letztendlich auch: „Sie haben sich vorbildlich um Ihre Tante gekümmert“, so Hausch.
Das gebe der Nichte aber – nachdem ihre Mutter selbst zum Pflegefall geworden war – nicht das Recht, derart das Konto der Tante zu plündern, befanden Staatsanwalt und Richter. Innerhalb von fünf Tagen 2000 Euro abzuheben, eine Rechnung einer Hunde-Operation von 1158 Euro von dem Vermögen der alten Dame zu begleichen und vieles mehr – all das deute stark darauf hin, „dass Sie vom Konto der Tante gelebt haben“, so Hausch. Schumann hatte ausgerechnet, dass die Nichte und ihre Mutter innerhalb von fünf Jahren durchschnittlich 3000 Euro pro Monat von dem Konto abgehoben haben. Für eigene Schulden, Möbel, Kleidung, Waschmaschine, Trockner und mehr wollen die beiden das Geld verwendet haben.

Strafen auf Bewährung

Selbst, wenn die zuletzt sehr demente Frau sehr großzügig gewesen sei und nach den Worten von Hausch „lieber mit warmer Hand gegeben hat, so hätte die Tante mit Sicherheit nicht von Sozialhilfe leben wollen“. Genau das war aber ab 2019 der Fall, weil die Frau zu dem Zeitpunkt über keinerlei Vermögen mehr verfügte. Dem Sozialamt war bei Antragstellung aufgefallen, dass mit den Kontoauszügen was nicht stimmen konnte. Unterlagen wurden nachgefordert – und von der Nichte auch stets geliefert, wie die Sozialamtsmitarbeiterin betonte. Rund 25 000 Euro hatte das Amt schlussendlich bis zum Tod der Tante im November vergangenen Jahres zugeschossen, um die Pflegeheimkosten zu begleichen. Dieses Geld wird die Stadt nun von der Nichte und ihrer Mutter zurückfordern – allerdings ohne viel Aussicht auf Erfolg, denn: Die 46-Jährige arbeitet selbst Teilzeit in der Pflege und die Mutter erhält eine Rente von 1200 Euro. Viel zu holen ist da nicht, so die Überzeugung des Gerichts.
Die Nichte wurde wegen Beihilfe zur Untreue zu einer Bewährungshaftstrafe von einem Jahr und drei Monaten und zu 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Ihre Mutter, die ja die Generalbevollmächtigte war (und mittlerweile von ihrer Tochter gepflegt wird), erhielt für die Untreue gegenüber ihrer Schwester eine Geldstrafe über 150 Tagessätze zu je 25 Euro – ebenfalls auf Bewährung.