Reutlingen Bis zum Ende zum Glück friedlich

PETER U. BUSSMANN 31.08.2013
Ein breites Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und Gruppierungen brachte gestern Vormittag auf dem Listplatz über 500 Demonstranten gegen einen Wahlkampfauftritt der NPD auf die Barrikaden.

Die NPD hatte sich angesagt, und fast alle kamen - zur demokratischen Gegendemonstration. Frühmorgens hatte die Stadt Absperrgitter quer über die Grünfläche des Listplatzes aufgestellt, schon kurz nach acht waren die ersten Gegendemonstranten vor Ort. Gestandene Gewerkschafter streiften die Ordner-Bänder über bei der von einem breiten Bündnis organisierten Kundgebung gegen rechts. Vertreter von DGB, IG Metall, Verdi, die Bundestagskandidaten von Linke, Grünen, SPD, Piraten, die RSÖ-Gemeinderatsfraktion, Vertreter von RIDAF, Friedensgruppe, ATTAC, franz.K, Antifa und Zelle-Mitglieder reihten sich ein in den Protest gegen die Nazis. Auf gut 500 Demonstranten wuchs die Menge bis gegen 9 Uhr. Ihnen standen rund 150 Polizisten gegenüber, 50 aus Reutlingen und eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei Böblingen, die den NPD-Auftritt abschirmten.

Der mit ausländerfeindlichen Parolen beklebte Laster - von den Rechten großkotzig "Flaggschiff" genannt, und zwei weitere Fahrzeuge bezogen, nur kurz behindert, die hintere Ecke des Listplatzes.

Die Zeit bis zum Aufbau der beiden großen Lautsprecher nutzen die Gegendemonstranten zu Statements an ihrer deutlich schwächeren Soundanlage. Metaller Harry Mischke bekräftigte: "Der braune Sumpf hat in Reutlingen nichts verloren." SPD-Kandidatin Rebecca Hummel betonte: "Faschismus ist ein Verbrechen." Verdi-Bezirks-Chef Martin Groß bedauerte, dass die NPD nicht verboten ist, sondern hier unter Schutz sprechen dürfe.

Auch OB Barbara Bosch - wiewohl als Stadtrepräsentantin vor Wahlen zur Neutralität verpflichtet - trat ans Mikrofon und führte die reichsstädtische Tradition ins Feld: "Wir haben hier eine Zivilgesellschaft, die rechtslastigen Umtrieben keinen Platz einräumt." Ein NPDler öffnete auf der anderen Seite des Gitters sein Hemd und zeigte ein T-Shirt, dessen Aufdruck wohl seine Parteifreunde meinte: "Arschlöcher". Passend dazu die Äußerung von Grünen-Bundestagsabgeordneter Beate Müller-Gemmeke, dass "dieser Pöbel in unserer Stadt nichts verloren hat."

Ohrenbetäubend schwoll der Lärm der Demonstranten an, als die NPD-Spitzen Edda Schmidt, die Bundessprecherin des Rings der nationalen Frauen und Kandidatin aus Bisingen, Bundesvorsitzender Holger Apfel und Wahlkreiskandidat Axel Heinzmann ihre rassistischen und ausländerfeindlichen Hasstiraden von sich gaben. Zwischen Trillerpfeifen, Trommeln, sirenenartigem Heulen und "Nazis raus"- Rufen tönte den Braunen der Anti-Nazisong der Ärzte "Schrei nach Liebe" entgegen mit dem bekannten Kraftausdruck als Refrain.

Nach knapp einer Stunde begannen die NPD-Handlanger abzubauen, im Lager der Gegendemo machte sich Familienfeststimmung breit, während bei der Polizei die Spannung vor der Abfahrt der Nazis steigt. Klar ist, ein Teil der Demonstranten wollte den Abmarsch verzögern, damit die Wahlkämpfer ihren nächsten Auftritt in Cannstatt nicht mehr ereichten. Um 10.40 Uhr, als der Konvoi den geschützten Bereich verließ und durch die Menge musste, wurde es kritisch, Bereitschaftspolizei in voller Montur schirmten die Fahrzeuge gegen die andrückende Menge ab, Eier flogen, Besonnene riefen "Ohne Gewalt - friedlich bleiben." Es nützte nichts. Es kam zu Rempeleien, Demonstranten, die sich vor die NPD-Fahrzeuge stellten, wurden weggezerrt, Leute zu Boden gedrückt. Organisator Rüdiger Weckmann berichtete erschüttert, dass "ein vermummter Polizist einer jungen Frau die Faust in den Bauch schlug". Faustschläge bekam auch DGB-Sekretär Rolf Zabka ab, als er einen Aufkleber auf den NPD-Laster drückte.

Der Versuch, über die vermeintlich freie Bahnhofstraße - der Ausweg Karlstraße ist längst blockiert - abzufahren, scheiterte. Rasch hatten sich mehrere Dutzend junger Leute vor die Fahrzeuge gesetzt, stoppten den Zug auf dem Bahnhofsparkplatz mit einer Sitzblockade. Was folgte, sind intensive Gespräche zwischen den sich verhärtenden Fronten. Für die Antifa- und Zelle-Leute waren nun die Polizisten die Gegner: "Die Nazis morden, der Staat schaut zu, das ist die Geschichte der NSU", skandierten sie.

Gewerkschafter, Organisatoren und zwei Bundestagskandidaten versuchten zwischen den Lagern zu vermitteln, das Anti-Konflikt-Team der Polizei diskutierte mit. Ein erstes, ein zweites Ultimatum ließ die Ordnungsmacht verstreichen, trotz des Tatbestands der Nötigung.

"Dies ist eine andere Rechtsposition, das ist nicht mehr die Veranstaltung von heute Morgen", hieß es. Kurz vor zwölf schließlich hatten sich die jungen Leute unter Protest, aber friedlich langsam zurückgezogen, nachrückende Einsatzkräfte machten den Weg frei, die Fahrzeuge konnten abfahren, über eine Stunde verspätet. Erleichterung allenthalben und Lob für die Taktik der Polizei, die eigentlich früher räumen wollte. Martin Groß: "Das ist ein hohes Gut, dass nichts eskaliert ist!" Lob gab es auch für die Vermittler, wenngleich ein Szene-Kenner einschränkte: "Das war kein Hardcore-Schwarzer-Block!"