Gerade einmal zwei Zettel hingen an der Wand, auf der um Anregungen und Ideen für das Biosphärengebiet (BSG) Schwäbische Alb gebeten wurden: Neben einem „Weiter so!“ wurde auch „mehr ÖPNV“ für das BSG gefordert. Nimmt man dies als Indiz, genoss das BSG große Wertschätzung unter den knapp 50 Besuchern, die am Montagabend zur rund zweistündigen Vorstellung des Berichtes zur UNESCO-Evaluation des Biosphärengebiets ins Reutlinger Matthäus-Alber-Haus gekommen waren.

Schützen durch Nützen

Regierungspräsident Klaus Tappeser, der zugleich BSG-Lenkungskreisvorsitzender ist, erinnerte in seiner Begrüßung an die hohe Zustimmung der Bevölkerung für das BSG. Projekte wie „Albgemacht“ und die Verbindung von Ökologie und Ökonomie (Stichwort: „Schützen durch Nützen“) zeichnen nach Tappesers Ansicht das BSG aus: „Wir wollen keine Käseglocke über das Biosphärengebiet stülpen.“ Tappeser ist stolz auf das Gebiet, die Kristallisationskerne leisteten gute Arbeit. Dennoch gebe es, so der Regierungspräsident, insbesondere „Punkte im sozialen und kulturellen Bereich, wo wir besser werden können“.

Motor und Impulsgeber

Auch für Thomas Reumann ist das BSG „etwas Einmaliges“, eine „zukunftsorientierte Antwort auf die Herausforderungen unserer Gesellschaft“. Das BSG diene als „Motor, als Impulsgeber“. Dennoch erkannte der Reutlinger Landrat auch Defizite: „Die Ziele, die wir uns gesetzt haben, sind noch nicht erreicht.“ Besonders möchte er dabei den „Fokus in den nächsten zehn Jahren auf die soziale Nachhaltigkeit richten“ und Themen wie Integration und Inklusion stärker in den Blick nehmen.

Als „richtige Erfolgsstory“, als ein „Erfolgskonzept für nachhaltige Regionalentwicklung“ nahm  Alexander Kreher das BSG wahr. Diese Erfolgsgeschichte bedürfe aber der Fortentwicklung, so der Reutlinger Finanzbürgermeister, der das Gebiet gerne auf die Reutlinger Innenstadt mit Rathaus, Landratsamt, Marienkirche und Hochschulen ausweiten möchte. Ziel müsse sein, „Urbanität und Landschaft miteinander zu verbinden“, betonte Kreher.

Es war an Dr. Volker Häring von der BSG-Geschäftsstelle, die wesentlichen Ergebnisse des Berichts vorzustellen. Die von der UNESCO alle zehn Jahre  geforderte Evaluierung sei nicht nur eine Pflichterfüllung, sondern biete auch die Chance, das Biosphärengebiet zu verbessern. Im Berichtszeitraum 2009 bis 2018 wurden, so Häring, wurden 266 Projekte im Sinne einer naturschutzorientierten und nachhaltigen Regionalentwicklung mit 2,6 Millionen Euro gefördert, was zu Gesamtinvestitionen von 4,7 Millionen Euro führte. Dazu kamen von 2008 bis 2013 weitere 169  über Plenum (Projekt des Landes zur Entwicklung von Natur  und Umwelt) finanzierte Vorhaben mit einem Fördervolumen von 1,2 Millionen Euro. Das meisten Mittel flossen in das Handlungsfeld Tourismus und Verkehr (30,1 Prozent), gefolgt von Landwirtschaft und Naturschutz (28,5 Prozent).

Anschließend ging Häring auf drei zentrale Handlungsfelder ein: den Naturschutz, die  Landwirtschaft und den nachhaltigen Tourismus. Was die Erhaltung von Landschaften, Ökosystemen, Tier- und Pflanzenarten angehe, bestehe durchaus Handlungsbedarf, räumte der BSG-Mitarbeiter ein und verwies auf die Empfehlung der MAB-Nationalkommission, Naturschutzprojekte weiter voranzutreiben.

Trotz der Unterstützung der Landwirte durch Förderprojekte, Biodiversitätsberatungen und Anreize für nachhaltige, regionalen Vermarktungsinitiativen habe sich die Zahl der insbesondere kleinen Betriebe im BSG verringert. Allerdings falle dieser Rückgang geringer als im Landesdurchschnitt aus. Stark rückläufig ist auch die Zahl der gehaltenen Schafe. Positiv hob Häring die Entwicklung von „Albgemacht“ hervor. 2019 beteiligten sich an der Gemeinschaftsmarke zum Erhalt und zur Förderung der Artenvielfalt zehn Betriebe, drei mehr als 2018.

In Sachen nachhaltiger Tourismus erweist sich das BSG als beträchtlicher Wirtschaftsfaktor. Laut einer Untersuchung besuchen rund 7,1 Millionen Besucher jährlich die Städte und Gemeinden, die Teil des BSG sind. 14,6 Prozent (1,07 Millionen) kommen wegen des Gebiets. Diese buchen auch mehr Übernachtungen und geben mehr Geld aus als normale Touristen.

Viel erreicht und noch viel zu tun

Eher kritisch bewertet der Bericht die lückenhafte Ummantelung der Kernzonen durch die Pflegezonen wie auch die Tatsache, dass einige Kernzonen  kleiner als 50 Hektar sind. Der  Hauptgrund dafür lag bei Kompromissen in der Ausweisung. Dennoch fällt Härings Fazit positiv aus: „Wir haben in zehn Jahren viel erreicht, aber noch liegt viel vor uns.“

Nicht alles ist Gold

In der abschließenden Diskussion kamen auch einige Kritikpunkte zur Sprache. Da ging es um eine bessere ÖPNV-Anbindung, Ursachen für das Insektensterben auch im BSG, die Förderpraxis, eine naturverträgliche Sicherung von Felsen oder auch die (nicht ausreichende) Unterstützung bei der Pflege von Streuobstwiesen. Das Schlusswort blieb dem Regierungspräsidenten vorbehalten: „A bissle UNESCO-Weltkulturerbe gibt’s nicht. Entweder man macht’s richtig. Oder man lässt’s bleiben“.

Info Wer möchte, kann sich den vollständigen an die UNESCO übermittelten Evaluationbericht unter www.biosphaerengebiet-alb.de herunterladen. Unter www.swp.de/reutlingen findet sich eine schematische Darstellung der „Stärken“ und „Optimierungspotenziale“ des Biosphärengebiets.

Kleiner Ausblick auf die Zukunft


Wie geht’s jetzt mit dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb weiter? Landrat Thomas Reumann möchte erst das Ergebnis der UNESCO-Evaluation abwarten, das Mitte 2020 vorliegen soll. Bis zu diesem Zeitpunkt soll die Geschäftsstelle Kriterien für die Aufnahme neuer Mitglieder erarbeiten und dem Lenkungskreis vorlegen, sagte der Tübinger Regierungspräsident Klaus Tappeser. Er ließ durchblicken, dass einige Kommunen Interesse an einer Mitgliedschaft hätten, wollte aber auch auf Nachfrage keine Namen nennen.

Wie ein Vertreter des Umweltministeriums Baden-Württemberg ergänzte, habe auch das deutsche MAB-Nationalkomitee („Der Mensch und die Biosphäre“) bei seiner Besichtigung empfohlen, erst dann in den Erweiterungsprozess einzusteigen, wenn die Anerkennung durch die UNESCO vorliege. Es sei davon auszugehen, dass es einen „langen Partizipationsprozess“ geben werde, der laut Tappeser in einem „transparenten Verfahren“ erfolgen soll. rab