Auch die Bildungsforschung selbst ist ein sehr junges Gebiet. "Es geht uns um Objektivität statt politisch gefärbter Argumente", erläuterte VHS-Leiter Ulrich Vöhringer zu Beginn des Vortrags von Prof. Dr. Ulrich Trautwein, einem der weltweit renommiertesten Bildungswissenschaftler. Er gilt als einer der produktivsten Forscher auf seinem Gebiet. Im Auftrag der Kultusministerkonferenz begleitet er die Aufstellung des zweijährigen Bildungsplans. Trautwein lehrt an der Bildungs- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Tübingen. Das Thema lag mitten in seiner Profession: "Das Schulsystem in Baden-Württemberg - Stärken, Schwächen, Herausforderungen."

Das Spannendste zum Schluss war der Ausblick: "Die Etablierung der Gemeinschaftsschulen wird in Baden-Württemberg auf ein System von zwei Säulen zusteuern", erklärte Trautwein, "sowas wie ein Gymnasium wird es geben". In der zweiten Säule tummeln sich bis zu 40 Varianten verschiedener Systeme, die sich gegenseitig "bekriegen mit der Gefahr, dass daraus neue Hauptschulen werden".

"Schön, dass man sich über den neuen Bildungsplan unterhält", kommentierte Trautwein nüchtern. Zur Demografie: "Auf der Alb werden wir bis 2025 Schülerrückgänge um bis zu 40 Prozent haben, ansonsten ein Viertel weniger. Die Landesregierung muss reagieren!" Die Gemeinschaftsschulen seien darauf angewiesen, dass nicht mehr als 40 Prozent der Schüler aufs Gymnasium gehen. Trautwein: "Bei einer Gymnasialquote von derzeit 50 Prozent gibt es auch zu wenig Interessenten für eine duale Ausbildung", und: "Wir haben massive Qualitätsmängel bei der Bildung an Kindertagesstätten."

Vor zehn Jahren waren PISA und TOSCA baden-württembergische Kür. Inzwischen überholt uns Sachsen mit seinem zweigliedrigen Schulsystem schon am Startblock. Trautwein: "Das Musterländle sinkt im Vergleich zum deutschen Mittelwert immer weiter ab. Manchmal findet man sich im nie gewähnten Abstiegskampf." Nimmts sportlich und zoomt das VfB-Wappen an die Wand. Woran das liegt? "Die Hauptschulen haben die konstruktive Unterstützung der Schüler als erstes wahrgenommen. die Realschulen sind nicht mehr so überzeugend."

Herkunftsbedingte Unterschiede - ja, die gibt es. Die Wissenschaft macht einen Unterschied zwischen der Herkunft aus "höheren Dienstklassen" (Beamte, Ärzte, Bildungsbürger) und Kindern von angelernten Arbeitern. Wobei die da oben hauptsächlich aufs Gymnasium gehen und finnisches Niveau erreichen. Arbeiterkinder wählen die Hauptschule mit "Tendenz zur Risikogruppe für Hartz IV". Solange diese Aufteilung der Intelligenz entspricht, mag das angehen. Trautwein: "Die Kinder oberer Dienstklassen haben eine 2,2-fach höhere Chance, auf dem Gymnasium zu landen. Das hat Deutschland eine Spitzenposition bei den Ungerechtigkeiten eingebracht." Und: "Schade, denn Leistungsschwache profitieren davon, wenn man sie ernst nimmt und ihr Potenzial tatsächlich ausschöpft." Anstelle von Unterricht ohne Noten sollten "Fördergarantien ausgesprochen werden und objektive Leistungsbeurteilungen statt Empfehlungen".

Eine spannende wissenschaftliche These: PCs, Lernumgebung oder Unterrichts-Choreographie heben das Niveau nicht wesentlich. Es sind die "Tiefenstrukturen des Unterrichts". Trautwein: "Die Effizienz des Lehrers ist der größte Brocken, den wir in der Forschung identifizieren. Seine Persönlichkeit ist das größte Potenzial. Wenn alle gleich gut unterrichten würden, hätten wir viel bessere Schüler." Der Naturwissenschaftler direkt von der Uni ohne pädagogisches Händchen werde von der Politik genauso alleine gelassen wie sein Kollege von der PH ohne wissenschaftlichen Hintergrund, was zu "massiven Qualitätsproblemen" führte. Fachfremder Unterricht an Gymnasien, das geht seiner Ansicht nach gar nicht. Und noch eins: "Man kann den Lehrern nicht das verbieten, worin sie seit Jahren erfolgreich waren."

Wie man als Eltern denn herausfinden könne, welche Schule die beste fürs Kind sei, wollte eine Mutter wissen. Indem man nach den Unterrichtsqualitäten fragt. Trautwein: "Was passiert, wenn mein Kind besonders gut oder schlecht ist? Gibt es Routineverfahren? Welche pädagogischen Ansätze gibt es - statt nur nach der Klassengröße zu fragen." Eine Zusage, dass das Kind seinen Wunschlehrer bekommt, werde eh kein Schulleiter machen. "Haupt- und Werkrealschulen werden massiv zu Gemeinschaftsschulen degradiert", erklärte Prof. Trautwein, ein "gymnasiales Niveau" sei da nicht zu sehen. Um die Schuldebatte aus der Konfrontation zu holen, empfiehlt er der Bildungspolitik: Mehr unabhängige Forschung statt Ideologie und "ab und zu mal auf Mama und Papa hören".