Pfullingen / EVELYN RUPPRECHT  Uhr
Hochstände online reservieren? Ein Zugangscode für die Wildkammer? Die Bejagung in Pfullingen soll transparenter werden. Eine Idee mit Konfliktpotenzial. Das war bei der Gemeinderatssitzung zu spüren.

Das Thema gärt schon seit über 20 Jahren vor sich hin, jetzt aber ist's so richtig ins Brodeln geraten. Denn der Verbiss im städtischen Forst, der nicht nur eine Auszeichnung als Nabu-Naturwaldgemeinde, sondern das PEFC- und das FSC-Zertifikat hat - beide gibt's für nachhaltige Bewirtschaftung -, nimmt Jahr für Jahr zu. Die Konsequenz: Der Hiebsatz musste deutlich reduziert werden, 35 000 Euro hat die Stadt mit ihrem Holz im vergangenen Jahr weniger verdient als geplant. Und es könnte noch schlimmer kommen. Für das FSC-Zertifikat wurde nur noch eine letztmalige Verlängerung gewährt. Auch die anderen Auszeichnungen könnten wegfallen, sollte die Stadt ihre Probleme im Wald nicht lösen. Ohne Zertifikate, so Stadtpfleger Roland Deh, würde aber der Holzverkauf nahezu unmöglich werden.

Um das zu verhindern, hat die Stadt die Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg um Hilfe gebeten. Das Konzept, das die FH ausgearbeitet hat, haben die Professoren Matthias Scheuber und Rainer Wagelaar am Dienstag vorgestellt - und zwar nicht nur den Stadträten, sondern auch einer ansehnlichen Truppe Pfullinger Jäger, die als Zuhörer zur Sitzung gekommen waren. So wird die Stadt ihre Flächen im Osten und Westen in Zukunft nicht mehr verpachten, sondern als zwei Eigenjagden, die räumlich nur durch die Echazaue getrennt sind, betreiben. Dafür sollen die Jäger Begehungsscheine beantragen können. Eine große Fläche, etwa mittig liegend, gehört indes zum Bereich der Jagdgenossenschaft.

Die FH Rottenburg empfiehlt auch hier "denselben Jagdansatz", damit es an der Grenze zwischen Wald - hauptsächlich in städtischer Regie - und Feldflur, größtenteils im Bereich der Jagdgenossenschaft, nicht zu Spannungen kommt. Kurz: Das Stadtgebiet soll ab 1. April einheitlich bejagt werden. Und das nach einem System, für das die FH ein Software-Tool entwickelt hat.

Die Jäger sollen ihre Stände demnach online reservieren. Dann weiß jeder genau, wer sich wo befindet, und auch die Abschüsse werden online registriert. Der Zugang zur Wildkammer, die die Stadt im Bauhofbereich ansiedeln will, wäre nur über einen Code möglich. Wer hier wann zugange wäre - auch das wäre dann für alle nachvollziehbar.

Drei Stunden hatte der Verwaltungsausschuss darüber bereits am 10. Februar hinter verschlossenen Türen vorberaten - und die einstimmige Empfehlung abgegeben, dem Beschlussvorschlag der Verwaltung zu folgen, wie Bürgermeister Michael Schrenk verkündete.

Zumindest Martin Fink (UWV) ließ bei der Aussprache zu dem Thema seiner Begeisterung über das neue System freien Lauf. "Die Jagdpächter haben immer wieder zugesichert, den Verbiss zu senken. Doch die Situation hat sich dramatisch zugespitzt", so Fink, der sich sicher ist, dass die Begehungsscheine "für alle Beteiligten Vorteile haben". Ein fairer Anreiz seien sie für die Jäger - und für die Revierverwaltung eine lückenlose Dokumentation möglich. FWV-Rätin Christine Böhmler sah das schon kritischer. "Haben Sie in Rottenburg überhaupt noch Rehe oder nur noch Jäger?", fragte sie die Professoren, die rund um ihre Hochschule dasselbe Bejagungssystem praktizieren. Dr. Ulrich Zimmermann (FWV) hätte an das altbekannte Problem zwar "gerne einen Knopf gemacht", hatte aber noch etliche Fragen. Zumal die Bürokratie des Systems immens sei. "Ich könnte es verstehen, wenn die Jäger sich gegen dieses Online-Überwachung wehren", so Zimmermann. Nicht nur der FWV-Rat fühlte sich an "Big Brother ist watching you" erinnert.

Dass Revierförster Bernd Mair noch einmal für "dieses effektive Jagd-Wild-Management" warb, hatte wenig Sinn. Gert Klaiber (CDU) hatte wohl allzu oft in die missmutigen Gesichter der anwesenden Jäger geschaut und registriert, dass "die sich wohl nicht mitgenommen fühlen". Ihn störten die Informationsdefizite. "Wir müssen das alles besser kommunizieren", mahnte er an.

Nach langem hin und her wurde der Beschlussvorschlag der Stadt zwar einstimmig angenommen - allerdings mit gleich mehreren Vorbehalten. So sind die Begehungsscheine zwar beschlossene Sache, allerdings nur als Entwurf. Die beiden Eigenjagdbezirke der Stadt wird's zwar ab 1. April geben, aber die baulichen Maßnahmen werden erst in der Sitzung des Gemeinderates am 24. März abgesegnet. Es geht also in die Verlängerung.