Reutlingen Biest namens Finanzmarkt

Regiert das Geld nun die Welt oder die Welt das Geld? Darüber diskutierten (von links) Josef Schuler, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Reutlingen, Wolfgang Kessler, Journalist und Autor, Dr. Ulrich Bausch, Leiter der Volkshochschule, Natalie Kuczera, Attac Reutlingen, und Wilfried Münch, GLS-Bank Stuttgart. Foto: Bernd Haase
Regiert das Geld nun die Welt oder die Welt das Geld? Darüber diskutierten (von links) Josef Schuler, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Reutlingen, Wolfgang Kessler, Journalist und Autor, Dr. Ulrich Bausch, Leiter der Volkshochschule, Natalie Kuczera, Attac Reutlingen, und Wilfried Münch, GLS-Bank Stuttgart. Foto: Bernd Haase
BERND HAASE 06.03.2012
Wenns ums Geld geht, strömen die Massen: Die VHS-Matinee war restlos ausverkauft. Deshalb kommt Wolfgang Kessler noch einmal am 15. Juli.

Warum sind viele Finanzprodukte so kompliziert? Damit die Kunden nicht merken, dass sie übers Ohr gehauen werden. Das ist kein Witz, sondern das Zitat eines amerikanischen Hedgefonds-Managers. Die Frage gestellt hatte Wolfgang Kessler. Der ist Ökonom und Schwabe, hatte mal für den Internationalen Währungsfonds (IWF) gearbeitet, diesen aber verlassen, als er merkte, dass der IWF "meine Ökonomie-Künste zu Hungerkuren für die Dritte Welt nutzte". Seither kämpft er als Journalist für eine Wirtschaft mit Ethos, ist Chefredakteur der christlichen Zeitschrift "Publik-Forum" und hat das Buch "Geld regiert die Welt. Wer regiert das Geld?" geschrieben.

Jetzt war Kessler also Gastredner bei der Sonntagsmatinee der Volkshochschule, die seinen Buchtitel zum Thema erhoben hatte. In seinem Referat berichtete er von der eingangs erwähnten Begegnung mit einem Hedgefonds-Manager.

Bankenkritiker konnten bei Kesslers Ausführungen aber noch weit mehr Munition gegen die Heuschrecken der Finanzmärkte sammeln. Da war die Rede von der "Schizophrenie dieses Finanzsystems", vom Wirtschaftsliberalismus, der dafür sorgt, "dass dieses Biest der Finanzmärkte immer mehr Futter bekommt". Er legte dar, wie diese Finanzmärkte zu einem System wurden, "das die persönliche Verantwortung ausblendet und die Gier belohnt". Und er legte die Konstruktionsfehler des Euro offen.

Aber: Kessler verfiel nicht in Populismus, warnte vielmehr vor einfachen Schuldzuweisungen. Viel wichtiger war ihm ohnehin aufzuzeigen, wie es weitergehen kann. Denn die Zukunft liege trotz aller Systemfehler in unserer Hand. Dafür hat er einen Fünf-Punkte-Plan. Der umfasst erstens die Abkehr vom Wirtschaftsliberalismus, denn ein freier Markt lenke das Geld nur dahin, wo es Rendite bringt, und nicht dorthin, wo es gebraucht wird. Zweitens brauche es klare Regeln für den Finanzmarkt wie den Verbot von Leerverkäufen: "Niemand braucht Nahrungsmittelspekulation, außer die Spekulanten." Drittens müsse die Euro-Krise gemeinsam bewältigt werden, zum Beispiel mit einer europaweiten Finanztransaktionssteuer von 0,1 Prozent. Damit lasse sich das Spekulationstempo verlangsamen, die Mehreinnahmen könnten in Schuldenländer wie Griechenland investiert werden. "So entstünde ein starkes und gemeinsames Europa."

Viertens bräuchte es einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld. Nicht nur von den Bankern, sondern auch von den Sparern. Er plädiert hier für eine Trennung von Investment- und Geschäftsbanken. Und fünftens müssten die Regionen gestärkt werden, zum Beispiel mit Regionalwährungen wie dem erfolgreichen schweizerischen WIR. Kesslers Appell an die Zuhörer: "Geld kann viel anrichten. Wir können mit Geld aber auch viel ausrichten."