Reutlingen / NORBERT LEISTER  Uhr
"Wichtig ist, in den Köpfen was zu bewegen", sagte Landrat Thomas Reumann gestern in der Planie 22 im Tonne-Theater. Allerdings handle es sich bei der Inklusion um einen langen und "dauerhaften Prozess".

Oftmals seien gar keine riesigen Projekte notwendig, um der Inklusion ein Stück näher zu kommen, "manchmal braucht es ja nur ganz kleine Schritte", so Reutlingens Landrat am Mittwoch bei einer Medienkonferenz im Theater "Die Tonne" in der Planie. Warum dort? Weil das Theater - bundesweit einmalig - behinderte Schauspieler angestellt hat, die dort für ihre Arbeit bezahlt werden. Und weil laut Tonne-Chef Enrico Urbanek im Umgang mit den behinderten Menschen das stattgefunden hat, was überall der Fall sein sollte: "Wenn sich alle mal an die eigene Nase fassen würden, könnte viel erreicht werden." Will heißen: Inklusion geht alle an. So auch die Tourist-Information am Reutlinger Marktplatz: "Warum kommt man dort mit einem Rollstuhl nicht rein, da bräuchte es nur eine einfache, kleine Rampe", so Urbanek.

Anderes Beispiel: Menschen mit starken Hörproblemen können nicht ins Theater gehen, weil sie dort nichts verstehen. "Es kam die Super-Idee auf, einen Theaterabend mit einem ganz normalen Stück mit Übersetzung in Gebärdensprache anzubieten."

Viele weitere Ideen wären realisierbar, aber beileibe nicht alles. Und: "Es gibt immer noch viele Menschen, denen Inklusion gar nichts sagt", so Enrico Urbanek. Dem stimmte auch Landrat Thomas Reumann zu: "Nach einem Jahr Inklusionskonferenz sind wir noch sehr weit von Inklusion entfernt." Aber: Im Zusammenspiel mit Kirchen, Selbsthilfegruppen, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Sozial- und Rentenversicherungsträgern, Kultur, Sport und einigen mehr habe sich der Landkreis Reutlingen auf den Weg gemacht, um Inklusion voranzutreiben.

Mit dem Programm der Öffentlichkeitskampagne für das kommende Jahr hängt sich die Reutlinger Konferenz vor allem an die Initiative des Landes an, die da lautet: "Du-ich-wir - alle inklusiv". Im Landkreis Reutlingen sollen eigene Veranstaltungen ebenfalls das Ziel verfolgen, mehr Bewusstsein für die Interessen und Anliegen von behinderten Menschen in die Köpfe der Bevölkerung zu kriegen. Eine Kunstausstellung von behinderten und nicht-behinderten Menschen gehört dazu, eine Medien-Offensive ebenfalls, mit der sechs Personen mit Beeinträchtigungen in ihrem Lebensumfeld porträtiert werden sollen. Zudem sei ein "offener Veranstaltungskalender" geplant, der Aktivitäten, Veranstaltungen und Aktionen in einer Auflistung zusammenführt, die Mitgliedsorganisationen der Inklusionskonferenz anbieten. Hinzukommt eine Abschlussveranstaltung der Öffentlichkeitskampagne am 3. Dezember nächsten Jahres.

"Wir hoffen, dass auch Organisatoren anfangen, darüber nachzudenken, ob ihre Veranstaltungen barrierefrei sind", sagte Uwe Köppen als kommissarischer Leiter der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz. Helga Jansons betonte als Mitglied des Beirats dieser Konferenz: "Fachleute der Behindertenliga sind immer bereit vorbeizukommen und zu prüfen, ob Veranstaltungen und Räume behindertengerecht sind." Lisa Kappes-Sassano verwies auf die Bedeutung des Themas Inklusion - und das nicht nur für die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände, für die sie am Mittwoch in der "Tonne" dabei war: "Es kann gelingen, die erforderliche Bewusstseinsänderung herbeizuführen", zeigte sie sich überzeugt. Aber: "Es geht nicht allein um die Teilhabe von behinderten Menschen, sondern auch darum, die Partizipation anderer Randgruppen in der Gesellschaft zu stärken."