Verdi Beste Wünsche für den Aufstieg

Martin Gross (2. von rechts) gibt die Geschäftsführer-Bürde im Verdi-Bezirk ab an Benjamin Stein (rechts), um auf lange Sicht wohl die Nachfolge von Landesbezirksleiterin Leni Breymaier (links) anzutreten. Der ehrenamtliche Bezirksvorsitzende Jörg Wolff bleibt weiter im Amt.
Martin Gross (2. von rechts) gibt die Geschäftsführer-Bürde im Verdi-Bezirk ab an Benjamin Stein (rechts), um auf lange Sicht wohl die Nachfolge von Landesbezirksleiterin Leni Breymaier (links) anzutreten. Der ehrenamtliche Bezirksvorsitzende Jörg Wolff bleibt weiter im Amt. © Foto: Peter U. Bussmann
Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 14.07.2016
Weggefährten und Freunde verabschiedeten am Dienstagabend im franz.K in einer persönlichen Feier Martin Gross als Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Fils-Neckar-Alb.

Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier höchstselbst ließ am Dienstagabend die Katze aus dem Sack: Die couragierte Gewerkschafterin, wie Martin Gross Jahrgang 1960, schickt sich bekanntlich als bislang Stellvertreterin an, im Herbst die Nachfolge von Nils Schmid als Vorsitzende der SPD im Land anzutreten. Sollte das nicht klappen, „werde ich nicht als abgehalfterte, nicht gewählte SPD-Vorsitzende den Verdi-Landesbezirk weiter leiten“, kündigte sie in ihrer zupackend-offenen Art der Festversammlung an.

Damit aber steht fest: Für Martin Gross, derzeit Breymaier-Stellvertreter, ist bei der Wahl am 5. November der Weg frei an die Spitze des Verdi-Landesbezirks. Und so viel verriet Leni Breymaier auch noch: „Das Präsidium schlägt Martin Gross als Leiter des Landesbezirks vor!“ Das ehrenamtliche Gremium hatte dem Reutlinger – er ist unlängst wieder in den Schafstall gezogen – tags zuvor „freundlich, aber direkt“ auf den Zahn gefühlt – und am Ende eben für gut befunden.

„Ich freu’ mich, dass wir Dich jetzt in Stuttgart ganz haben“, gestand Breymaier unumwunden. Bislang musste man sich  mit der Hälfte zufriedengeben. Die andere Hälfte von Gross gehörte dem unter seiner Führung fusionierten Bezirk Fils-Neckar-Alb. Den übernimmt als Geschäftsführer nun Benjamin Stein, der über das Amt des Jugendsekretärs an den Posten herangeführt wurde.  „Benni übernimmt einen gut bestellten Bezirk“, sagte Breymaier. Die  erfahrene Gewerkschaftssekretärin Carola Gross wird wieder stellvertretende Geschäftsführerin. Zu dem „tollen Team“ gesellt sich als Ehrenamtlicher „weiterhin zum Glück“, so Breymaier, Bezirksvorsitzender Jörg Wolff.

Den Abend unter Freunden und Weggefährten zur „Lebensabschnittsverlagerung“ von Martin Gross – er bleibe dem Standort Reutlingen-Tübingen weiter verbunden, versicherte er – moderierte die mit ihm nicht verwandte Kollegin Carola Gross. Den musikalischen Rahmen lieferten Jürgen Sturm und Lady Jane, nach eigenen Worten längst zur „Hausband bei Verdi“ aufgestiegen.

Nicht nur Jörg Wolff erinnerte sich in seinem Rückblick auf gemeinsame Zeiten an den schwierigen Start von Verdi im Bezirk, als „Chaos und Spaltung drohten“. HBV-Mann Gross als anerkannte Führungspersönlichkeit  war da einfach „der richtige Mann am richtigen Platz“.

Breymaier konnte noch von der Zeit erzählen, als sie als DAG-Funktionärin den „jungen, dynamischen HBV-Gewerkschaftssekretär als Konkurrenten“ um Mitglieder erlebt: „Was für eine Verschwendung von Ressourcen, dieser doppelte Auftritt“. Der Zusammenschluss zu Verdi war deshalb nur folgerichtig. Aber nicht einfach. Breymaier wechselte damals ein Jahr zum DGB, doch Gross „blieb vor Ort und hat sich neighängt“, sagte die Gewerkschafterin über den „absolut anerkannten und sachkundigen Gesprächspartner“. Eine seiner größten Leistungen ist für sie, dass „er den Beritt zusammengeführt hat, das war ihm eine Herzensangelegenheit“. Ohne Gross stände der Bezirk nicht so positiv da: „Ich zolle ihm ganzen Respekt, Du hast alles zum Laufen gebracht!“

Und noch etwas sei bezeichnend für Martin Gross: „Du magst einfach Menschen, Du begegnest jedem offen, guckst ihm in die Augen, wertschätzt sie – dafür lieben wir Dich!“

Der frühere IG-Metall-Bevollmächtigte Ernst Blinzinger kennt Groß noch als nicht gewerkschaftlich organisierten Lehrling aus der Naturfreundejugend. Auch wegen solcher persönlicher Beziehungen kam es vor Ort  nie zu Reibereien zwischen den Gewerkschaften: „Wir sind immer gemeinsam auf die Straße gegangen, kümmern uns gemeinsam um die Sache der Beschäftigten.“

Ernst Bodenmüller, Gross’ Vorgänger bei der HBV, war damals sehr froh über die tatkräftige Jugendarbeit des Ehrenamtlers. Später „haben wir alles und jedes bis zum Anschlag diskutiert – und uns immer nächtens noch telefonisch wieder vertragen“.

Arbeitskämpferische Episoden brachte die Truppe des UKT-Personalrats zur Erheiterung aller auf die Bühne. Doch Martin Gross hielt bescheiden der Huldigung entgegen: „Auf diesen neuen Kliniktarif, besser als Kommunale, darauf könnt Ihr stolz sein.“

Der letzte große Streik der Sozialarbeiter und Erzieherinnen – sie lieferten einen ergreifenden Abschiedssong – um deren Aufwertung im vergangenen Jahr ist Gross ebenfalls unvergessen: „Das war ein Streik der Herzen“, sagte er zunehmend bewegt von soviel Wertschätzung.

Vita: Martin Gross

Martin Gross wurde am 9. Oktober 1960 in Reutlingen geboren und wuchs teilweise in Metzingen auf. Der gelernte Großhandelskaufmann (bei der SPAR-Zentrale der Firma Schaal-Kurtz) kam nach dem Zivildienst im Oberlin-Kinderheim mit 24 Jahren als Verwaltungsangestellter zur Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), war dort auch für Jugendarbeit zuständig. 1988 absolvierte er eine Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär in Mannheim und Hamburg.

Frisch von der Schulung, wurde ihm 1989 beim Kampf um die Ladenschluss-Zeiten, Stichwort Langer Donnerstag, „gleich das Megafon in die Hand gedrückt“, um als frisch gebackener Gewerkschaftssekretär in der Region die Reihen anzuführen. 1998 wurde er zum Geschäftsführer des HBV-Bezirks Südwürttemberg mit den Standorten Konstanz, Ulm und Reutlingen gewählt.

Mit Gründung der vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi 2001 aus  DAG, Postgewerkschaft, IG Medien-Druck, ÖTV und HBV wurde Gross 2002 Geschäftsführer im Bezirk Neckar-Alb. Zunächst kommissarisch, ab 2005 als Geschäftsführer leitet er den fusionierten Bezirk Fils-Neckar-Alb mit Geschäftsstellen in Reutlingen und Esslingen. Im März 2015 wurde er von der Landesbezirkskonferenz in Ulm zum Vize-Landesvorsitzenden gewählt. pet