Reutlingen Bessere Zukunft mit Gemeinwohlökonomie?

12. Reutlinger Gespräch Wirtschaft-Kirche (von links): Prälat Dr. Christian Rose, Vaude-Chefin Antje von Dewitz, Zollernalb-Sparkassen-Vorstand Claus Kimmerle, Finanzbürgermeister Alexander Kreher und Robert-Bosch-Personalchefin Ingrid Peters diskutierten gemeinsam am Freitagabend im Spitalhof das Thema "Gemeinwohl-Ökonomie".
12. Reutlinger Gespräch Wirtschaft-Kirche (von links): Prälat Dr. Christian Rose, Vaude-Chefin Antje von Dewitz, Zollernalb-Sparkassen-Vorstand Claus Kimmerle, Finanzbürgermeister Alexander Kreher und Robert-Bosch-Personalchefin Ingrid Peters diskutierten gemeinsam am Freitagabend im Spitalhof das Thema "Gemeinwohl-Ökonomie". © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 07.03.2016
Brauchen wir ein neues Wirtschaftssystem, das sich nicht vor allem am Gewinn orientiert? Beim "Gespräch Wirtschaft-Kirche" wurden drei Institutionen vorgestellt, die sich am Gemeinwohl orientieren.

Gemeinwohlökonomie - das neue, gerechte und nachhaltige Wirtschaftsmodell, das nicht wie das bestehende Weltwirtschaftssystem vor allem auf Gewinnmaximierung und Ausbeutung beruht? Beim "12. Gespräch Wirtschaft-Kirche" ging es genau darum, um Unternehmen, Kommunen und Banken, die sich dem Gemeinwohl, also dem Wohl aller Menschen, verpflichtet fühlen.

Bestes Beispiel dafür: Der Tettnanger Outdoor-Ausstatter Vaude. Geschäftsführerin Antje von Dewitz war am Freitagabend zu Gast im Reutlinger Spitalhof und erläuterte den Besuchern, was hinter einer "Gemeinwohlbilanz" stehe - und warum sich das Unternehmen der Nachhaltigkeit verpflichtet hat. "Ich bin schwer beeindruckt von dem Geschäftsmodell Vaude", äußerten sich mit Prälat Dr. Christian Rose und Reutlingens Robert-Bosch-Personalchefin Ingrid Peters als Moderatoren des Abends.

"Wirtschaften zum Wohle aller, um Verantwortung da zu übernehmen, wo ich handle", erläuterte von Dewitz das Grundprinzip der Gemeinwohl-Ökonomie. Das beziehe sich auf die zugelieferten Garne, Stoffe, Knöpfe und vieles mehr, das in der gesamten Welt für Vaude produziert wird. Aber eben auch auf den Standort bei Tettnang: "Die Emissionen unseres Unternehmens werden seit 2008 konsequent erfasst, wir decken den Strom, den wir brauchen, durch eigene Solaranlagen und sind ein klimaneutrales Unternehmen", betonte die Vaude-Chefin.

Zum Konzept gehöre aber noch viel mehr. Speziellen Angebote für die Gesundheit der rund 500 Mitarbeiter etwa, gerechte Löhne, Teilzeitangebote für Eltern, Frauen in Führungspositionen "und wir sind der Pächter des örtlichen Freibads, geben dadurch der Kommune etwas zurück", so von Dewitz.

Einer Kommune also, wie auch Reutlingen eine ist. Wie es da mit dem Gemeinwohl aussieht? "Eine Stadt ist von vornherein dem Gemeinwohl der Einwohner verpflichtet", betonte Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Alexander Kreher. Die Kommune müsse aber gleichzeitig auch wirtschaftlich arbeiten, etwa in den Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge wie beim Strom, Wasser, Gas, Abfallentsorgung und ÖPNV. Allerdings stehe die Stadt ja auch zudem hinter dem Bau und Betrieb von zahlreichen Einrichtungen wie Stadthalle, Theater, Friedhöfe, Feuerwehr und vieles mehr. Nachhaltigkeit werde auch zumindest versucht, etwa beim Einkauf von benötigten Materialien. "Wir betreiben eine interkommunale Einkaufspolitik", so Kreher. Zudem sei Reutlingen Fair- Trade-Stadt.

Claus Kimmerle, Vorstand der Kreissparkasse Zollernalb, sagte: "Wir sind als Sparkasse seit mehr als 200 Jahren gemeinwohlorientiert." Stiftungen und Spenden der Bank seien der Beweis dafür. Doch die Existenz der Sparkassen und Volksbanken in der bisherigen Form sei bedroht, sagte Kimmerle. Warum? Weil die europäische Bankenaufsicht "die gemeinwohlorientierten Banken nicht mehr will", so Kimmerle. Der Zurverfügungstellung von Risikokapital würden immer stärkere Schranken vorgesetzt - was vor allem den "hoch innovativen Mittelstand bei uns" hart treffe. Angesichts der Bankenkrise "gerät unser Geschäftsmodell ins Wanken", betonte der Sparkassenvorstand.

Im Internet-Lexikon Wikipedia ist zur "Gemeinwohl-Ökonomie" nachzulesen, dass der österreichische Attac-Mitbegründer Christian Felber mit dem Wirtschaftsmodell nicht länger den Erfolg "mit Konkurrenz und Finanzgewinn" in den Mittelpunkt stelle, "sondern mit Kooperation und einem größtmöglichen Beitrag zum allgemeinen Wohl gleichgesetzt wird".

Der zentrale Punkt dabei sei eine "Gemeinwohl-Bilanz", mit der Kriterien sozialer Verantwortung, ökologisch nachhaltigen Wirtschaftens, innerbetrieblicher Demokratie und gesamtgesellschaftlicher Solidarität gemessen werden.

Nach Angaben des "Vereins zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie" wird dieses Wirtschaftsmodell nicht nur von vielen Einzelnen, Vereinen und Politikern unterstützt, sondern mit Stand Ende Februar (2015) auch von mehr als 1700 Unternehmen.

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