Es geht durch die Medien: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es in Deutschland zu viele Krankenhäuser gibt. „Eine starke Verringerung der Klinikanzahl von knapp 1400 auf deutlich unter 600 Häuser, würde die Qualität der Versorgung für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern“, heißt es weiter.

Im Landkreis Reutlingen fühlt man sich durch die Ergebnisse der Studie schnell an die jüngsten Klinik-Debatten erinnert. Nachdem die Unfallchirurgie in Bad Urach geschlossen worden war, hatten viele Bewohner der Gemeinden im Ermstal befürchtet, dass damit die schrittweise Schließung des kompletten Klinikstandortes eingeläutet werde. Landrat Thomas Reumann hatte damals immer wieder betont, dass man weiter zum Konzept „Eine Klinik an drei Standorten“ stehe – auch wenn Veränderungen wegen der finanziellen Schieflage der drei Häuser unumgänglich seien.

Also: Hat die Bertelsmann-Studie recht? Sind kleinere Kliniken wie die in Bad Urach und in Münsingen überflüssig? Gestern wollte Landrat Reumann dazu dann keine Stellung mehr nehmen. Er ließ durch seine Pressestelle auf die Klinik-Geschäftsführung verweisen.

Norbert Finke, der ab Mai 2020 als Klinik-Geschäftsführer in den Ruhestand geht, kommentierte die Studie so: „Es ist abenteuerlich, zwei Drittel aller Krankenhäuser schließen zu wollen.“ Eine solche Studie verunsichere eher, als dass sie eine Lösung bringe: „Eine Studie ist eine Studie.“ Also: Weiterhin „Eine Klinik an drei Standorten“? Finke antwortete darauf: „Dieser Slogan steht momentan nicht zur Debatte.“ Und ergänzte recht vage: „Es gilt trotzdem eine Diskussion über die Versorgungsstrukturen zu führen, die an den Bedürfnissen dieser Region ausgerichtet ist.“

Nicht die Ausstattung für lebensbedrohliche Notfälle

Die Bertelsmann-Studie argumentiert, „dass viele Krankenhäuser in der Bundesrepublik Deutschland zu klein sind und oftmals nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung verfügen, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall angemessen zu behandeln“. Norbert Finke bestätigte das auf Nachfrage: „Ein Herzinfarkt und ein Schlaganfall werden direkt nach Reutlingen ins Klinikum gefahren.“ Andere Notfälle könne man aber durchaus auch in den kleineren Häusern behandeln.

Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann sagte, dass er von den Bürgern ständig erfahre, dass eine Klinik vor Ort „sehr wichtig für die Menschen ist“. Das habe ja auch die Bürgerinitiative zum Erhalt der Ermstalklinik gezeigt, die knapp 10 000 Unterschriften gesammelt hatte. Rebmann plädiert für einen differenzierten Umgang mit der Klinikstudie. Eine „Spezialisierung“, wie in der Studie angeführt, gebe es an den drei Reutlinger Klinikstandorten ja bereits. „Natürlich wird sich im Gesundheitswesen einiges ändern“, das weiß auch er. Aber an der Grundversorgung vor Ort dürfe man nicht rütteln.

Kliniken dürfen nicht in Konkurrenz zueinander treten

Mike Münzing, Bürgermeister von Münsingen, dem Standort der Albklinik, verortet die Studie ganz in der politischen Großwetterlage: „Der Trend auf große Einheiten zu setzen und zu begründen, dass darin Qualität liegt, das macht mich wütend“, sagte er gestern auf Nachfrage. Im Landkreis Reutlingen habe man die drei Standorte schon vor Jahren spezialisiert, stimmt er seinem Bürgermeister-Kollegen Rebmann zu. „Die Kliniken dürfen nicht in Konkurrenz zueinander treten“, so Münzing weiter. Dann funktioniere das Nebeneinander auch gut, wie im Landkreis Reutlingen – und ein Abbau, wie in der Studie thematisiert, stehe nicht zur Debatte.

Klinik-Finanzen im Kreistag

Der Jahresabschluss der Reutlinger Kreiskliniken aus dem Jahr 2018 ist heute Thema im Kreistag. Gleichzeitig haben die nicht wiedergewählten Kreisräte heute auch ihre letzte Sitzung. Der „Jahresfehlbetrag“, also das Defizit, beträgt im Jahr 2018 laut Vorlage 4,9 Millionen Euro. Wieder war das Ziel verfehlt worden. Schon 2017 hatte der „Jahresfehlbetrag“ rund 6,7 Millionen Euro betragen. Eingeplant gewesen war damals eigentlich ein Minus von 1,5 Millionen. kam