Reaktionen Berlin ist sehr präsent

Die Sorge um die eigene Sicherheit ist immer in irgendeiner Form dabei, wenn sich die Leute in Menschenmengen begeben, wie hier im „Weihnachtsdorf“ bei der Eislaufbahn am Reutlinger Albtorplatz. Foto: Jürgen Herdin
Die Sorge um die eigene Sicherheit ist immer in irgendeiner Form dabei, wenn sich die Leute in Menschenmengen begeben, wie hier im „Weihnachtsdorf“ bei der Eislaufbahn am Reutlinger Albtorplatz. Foto: Jürgen Herdin © Foto: Foto: Jürgen Herdin
Reutlingen / Jürgen Herdin 20.12.2016

Das mörderische Attentat mit dem Lastwagen auf Weihnachtsmarktbesucher in der Berliner City-West beschäftigte am Dienstag auch die Menschen auf dem Reutlinger Weihnachtsmarkt. Seit dem Nachmittag ist zwischen Albtorplatz und der Marienkirche auch deutlich mehr Polizei präsent.

„Das ist Teil einer Verfügung des Innenministeriums“, sagte Polizeisprecher Josef Hönes auf Nachfrage. Dazu gehöre auch das offene Tragen von Maschinenpistolen, „schon allein, um mögliche Nachahmungstäter abzuschrecken“, so der Mann vom Polizeipräsidium Reutlingen.

Freilich sind auch weiterhin Polizeibeamte in zivil vor Ort – nicht nur, um nach Taschendieben Ausschau zu halten. Indes: Eine ganz konkrete Gefahren- oder Bedrohungslage gebe es weder in Reutlingen noch anderswo in Baden-Württemberg.

Einer der Händler auf dem Reutlinger Weihnachtsmarkt ist besonders betroffen von dem Berliner Terrorakt. Er hatte direkt am Tatort vom Montag in früheren Jahren auch schon seine Waren feilgeboten. Noch „sehr präsent“, so Frank Raphael, ist ihm der Tatort, der sich praktisch an der Hausfassade des gläsernen, sechseckigen Foyers der Gedächtniskirche befindet, dort, wo vor zwei Tagen ein Terrorist zwölf Menschenleben auslöschte und unzählige weitere Besucher zum Teil schwer verletzte. Raphael, dessen Firma ihren Sitz in der Hauptstadt hat, verkauft derzeit auf dem Reutlinger Weihnachtsmarkt Seifen und Bambus-Produkte. „Das ist schrecklich und bitter“, sagt der junge Händler. Vor allem, weil der Breitscheidplatz in Berlin für ihn eben eine bekannte, vertraute Lokalität ist, „die so nahe und von meiner Vorstellung her so greifbar ist“. Zwölf größere Weihnachtsmärkte gibt es in Berlin. Um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nahe des Bahnhofs Zoo hatten rund 100 Marktbeschicker ihre Buden aufgebaut, so viele wie in Reutlingen.

Und während sich die Innenminister der Bundesländer in einer Telefonkonferenz gerade darauf geeinigt haben, dass trotz des Schreckens und potenzieller Gefahren keine Weihnachtsmärkte abgesagt werden sollen, läuft im Reutlinger Café Sommer die Bilanz-Pressekonferenz über den bisherigen Verlauf des Reutlinger Marktgeschehens.

Das größte und längste Ereignis dieser Art in der Region sei bislang sehr erfolgreich verlaufen, sagen Regine Vohrer und Norbert Brendle. Die Veranstalter mit ihrer Firma „Marktwerkstadt“ denken an eine Ausweitung bis hin zum Marktbrunnen. Außerdem können sie sich ganz gut und gerne dort künftig auch ein zweitägiges Intermezzo von Kunsthandwerkern vorstellen.

Insgesamt wollen die Weihnachtsmarkt-Macher „noch deutlich mehr Zuspruch“ von Seiten des Reutlinger Einzelhandels, so Vohrer. Die lokale Wirtschaft solle den Weihnachtsmarkt „als Wahrzeichen und als etwas Unverzichtbares“ für die Stadt begreifen. Rund 300 000 Besucher seien bisher gekommen.

Vor der Türe, in der Wilhelmstraße und rund um die Marienkirche sind derweil vor den Ständen überall und immer wieder Gesprächsfetzen aufzuschnappen, in denen das Wort „Berlin“ vorkommt. „Natürlich bin ich geschockt, aber konsequent weitergedacht, dürften wir ja nun eigentlich nirgendwo mehr hingehen“, sagt der Sonnenbühler Rolf Ziegler; was er und seine Frau ablehnen.

Und damit repräsentiert er durchaus die Mehrheitsmeinung derer, die sich zu dem Terroranschlag in Berlin äußern. „Ich habe keine Angst, weil das doch überall passieren könnte“, sagt die junge Kolumbianerin Joana (25). Zusammen mit ihren Freundinnen Gracia (34) und Daniela absolviert sie zurzeit ein Freiwilligen-Jahr in Reutlingen.

„Ach, man muss doch heute auf alles gefasst sein“, sagt Chris Rockenstroh. Der Mann aus Schwedt an der Oder ist zusammen mit seiner Frau häufig in Berlin. Er besteht darauf: „Wenn wir jetzt unser Verhalten ändern, hätte der Terror ja gewonnen“.

„In Reutlingen haben wir keine solchen Menschenmassen wie in Berlin“, sagt Gregor Bartle. „Es gibt da keine Analogien“. Er bekräftigt, dass der Anschlag in der Hauptstadt keine Auswirkungen auf sein Verhalten im öffentlichen Raum zur Folge haben werde: „Meine Kollegen und ich verbringen auch weiter jede Mittagspause hier.“