Viele sind schon in der Wüste verdurstet, diejenigen, die es bis in Lager in Libyen geschafft haben, wussten nicht, was sie dann noch erwartet“, las Ines Fischer a im franz.K aus dem Bericht einer Frau aus Nigeria vor. „Hätte ich gewusst, was noch auf uns wartet, wäre ich nie von Zuhause weggegangen.“ Todesängste in einem Boot auf dem Mittelmeer und „in Italien angekommen, musste ich als Prostituierte arbeiten“. Die Frau konnte fliehen und kam schließlich nach Deutschland – „wir dachten, wir würden hier gebraucht als Arbeitskräfte, ich habe nicht gedacht, dass wir missbraucht würden“.

Amüsant und traurig zugleich

Nach solchen Worten die Kurve zu kriegen, hin zu einem dennoch amüsanten, komischen, unterhaltsamen Abend, war alles andere als einfach. Doch Moderator Helge Thun hat es geschafft. „Ich bin so froh, dass es uns allen hier so gut geht“, betonte der Tübinger Comedian. „Und die rechte Seite hier im Saal ist absichtlich nicht bestuhlt worden“, hatte Thun eingangs betont. In der rund dreistündigen Benefiz-Show folgten Szenen aus einem integrativen Theaterprojekt von Patati-Patata unter dem Titel „Perspektivwechsel“. Vom „TALK-Projekt“ zeigten 15 junge Menschen ihr Können beim Hip-Hop, beeindruckten mit Rap und der Aufforderung „Schnall die Message“. Oder sie begeisterten das Publikum mit syrisch-schwäbischem Sprechgesang.

Eine „Asylband“ mit drei Geflüchteten und der Asylpfarrerin Ines Fischer sang Stücke von Rio Reiser („Land in Sicht“) und den Toten Hosen. Im Lied „Europa“ heißt es etwa: „Sie kommen zu Tausenden, doch die allermeisten werden das gelobte Land niemals erreichen,  denn die Patrouillen werden sie aufgreifen, um sie in unserem Auftrag zu deportieren – und der Rest wird ersaufen im Massengrab vom Mittelmeer.“

Benefizveranstaltung Seebrücke Reutlingen Betroffenheit und trotzdem ganz viele magische Momente

Diese Aussage bestätigte Markus Groda, der schon dreimal auf Schiffen der Seenotrettung im Einsatz war: Es sei zwar gut und schön, dass sich neben Reutlingen immer mehr deutsche Städte zu „Sicheren Häfen“ erklären – „erreicht ist damit aber überhaupt nichts“, so Groda. Denn europäisches Recht sorge dafür, dass Menschen im Mittelmeer weiter ertrinken. Die Kapitänin Carola Rackete werde zwar zu Recht als Heldin gefeiert – doch außer „widerlichem Gewäsch von Politikern“ sei nichts zu hören. Anstatt Sonntagsreden über den Mut von Rackete abzusondern, müsse Europa endlich aufhören, sich abzuschotten. „Immer wieder sterben Menschen im Mittelmeer und in der Sahara werden Zäune gebaut“, so Groda. Und ganz Europa schaue tatenlos zu.

Eine Gratwanderung

Harter Stoff für eine Benefiz-Veranstaltung. Eine Gratwanderung zwischen Betroffenheit, Entsetzen und künstlerischen Highlights zahlreicher Künstler aus verschiedensten Bereichen: So spielte Angela-Charlott Linckelmann am Flügel „vier Aphorismen von Veit Erdmann-Abele“. Dann berichtete wiederum eine syrische Frau über ihre Fluchterfahrungen. Zwischendrin trat Helge Thun immer wieder als witzig-unterhaltsamer Entertainer auf. Gleich zu Beginn hatte er das Publikum zum Spenden aufgerufen – er selbst tat das, indem er Geldstücke aus Nase, hinter Ohren und auch aus dem Publikum auf magische Art und Weise erscheinen ließ.

„Es braucht eine klare Haltung, damit die Anderen nicht lauter sind als wir“, resümierte Asylpfarrerin Fischer zum Abschluss der Show. „Das war ein toller Abend mit viel Ernst, aber auch Freude und Begeisterung – bis zum nächsten Mal“, sagte Katharina Bausch.

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Die Idee kam von Katharina Bausch


Die Idee zu dieser Benefiz-Show hatte Katharina Bausch gehabt, die schon lange in der Flüchtlingshilfe aktiv war und sich dann der „Seebrücke Reutlingen-Tübingen“ angeschlossen hat. „Wir brauchen den Kontext mit der Kultur und die Unterstützung von Künstlern“, sagte sie kurz vor der Veranstaltung. Die angefragten Kunstschaffenden zierten sich nicht, „wir hatten nur eine einzige Absage“. Zusammen mit Ines Fischer und Lisann Breitschmidt hat Bausch die Veranstaltung organisiert und auf die Füße gestellt. nol