Vier weiterführende Schulen im Bereich der IHK Reutlingen/Tübingen/Zollern-Alb haben die anspruchsvolle Zertifizierung zum BoriS-Berufswahl-Siegel bestanden. Durch die vielen Gemeinschaftsschulen, die aus Haupt- und Werkrealschulen entstanden sind, ist die BoriS-Klientel in diesem Schuljahr stark geschrumpft, kommentiert Projektleiterin Ida Willumeit die Situation. "Da wird grade woanders gedreht", meint Katja Hofmann von KMU in Filderstadt, eine von zwei Dutzend ehrenamtlichen Juroren für die Audits im Bereich der IHK.

Umso größer war das Erstaunen beim Einsatz in der Reutlinger Eichendorff-Realschule: "Wir fragen uns heute noch, wie das Team um den neuen Schulleiter Klaus Michelsburg alles gestemmt hat, um den Schülern weiterhin dieses hohe Niveau bei der Berufs- und Studienwahl zu bieten." Die Eichendorff-Realschule war 2011 erstmals zertifiziert worden und war jetzt mit dem Folgeverfahren am Start.

Frei nach einem chinesischen Sprichwort, "wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen", zogen die regenerativen Reutlinger ganz neue Segel auf: mit einem Ausländeranteil von gut 50 Prozent setzt die Realschule auf "Ausbildungsbotschafter" mit Migrationshintergrund, deren authentische Lebensberichte Mut machen sollen.

Eine davon ist die projektverantwortliche Lehrerin Hülja Kizilkaya. Ihr Kollege Manfred Schechinger deckt aus eigener Erfahrung die Seite der Wirtschaft ab. Die Jury vergab nach Reutlingen ein "hervorragend" bei der Kommunikationskultur und ein "beispielhaft" für eine "Grundhaltung, die viel tiefer und nachhaltiger wirkt, wenn man Menschen etwas zutraut, ihnen vertraut und sie fördert", so Katja Hofmann: "Die jungen Erwachsenen starten bestens vorbereitet in ihre berufliche Zukunft."

Erstaunlich für Juror Harald König, Produktionsleiter bei der Mez Fintrop AG in Gönningen: der Auftritt und die Präsenz der Brühlschule in Genkingen im organisierten Netzwerk der "local player". Die Koordinatoren der Schule treffen sich einmal im Jahr mit Unternehmern zum Vesper, bei dem Aufgaben besprochen und verteilt werden. "Auf die Kontakte kann jederzeit zurückgegriffen werden", so König, "konsequent war, eine eigene Ausbildungsmesse zu veranstalten. 15 Betriebe aus dem Umfeld waren spontan bereit - die Messe ein voller Erfolg. Alles in allem ein sehr umfassendes, schlüssiges Konzept in sehr angenehmer Atmosphäre."

Das Anliegen, das Harald König selbst mit seinem aufwendigen Engagement bei BoriS verbindet, ist bei den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben: "Wir sind in der Ausbildung sehr stark engagiert. Mit dem Konzept Kinder lernen Wirtschaft in der vierten Klasse erreichen wir die Schüler, bevor sie sich auf weiterführende Angebote aufteilen. Wir wollen auch Anreize schaffen für Schüler, die zuhause keine Eltern zur Orientierung haben." Mez Fintrop unterhält weitere Kooperationen mit der Roßbergschule in Gönningen und der Eduard-Spranger-Schule in Reutlingen.

Auf den letzten Metern zum eigenen Mittelstandspreis pflegt Katja Hofmann "Social Business" wie eine zweite Haut: als Coach für Schülerfirmen und Bewerbungsberaterin bei der IHK. "Der rote Faden ist, Schüler mit der Wirtschaft in Verbindung zu bringen in einem Berufsfeld, das sie erfüllt." Die Unternehmerin ist restlos beeindruckt von der "starken Offenheit, den völlig neuen Perspektiven und der Wertschätzung, die eine Schullandschaft im Wandel mit sich bringt".

Extrem wichtig sei das BoriS-Berufswahl-Siegel für die Abbrecher-Quote bei dualen Ausbildungen, sagt Projektleiterin Ida Willumeit aus IHK-Sicht: "Wir sehen, was in Gang kommt, wenn Schule und Wirtschaft in Kontakt sind und dann die Entscheidung stimmt." Die Zertifizierung setze Standards bei der Berufsorientierung und sorge für ein breiteres Spektrum. "Egal, wie sich der Schüler entscheidet, die praktische Erfahrung wird ihm immer weiter helfen."

Berufswahl-Siegel BoriS in Zahlen

Landesweit "Bescheidenheit ist bei BoriS völlig fehl am Platz", sagt IHK-Projektleiterin Ida Willumeit. Seit 2008 wurde das Berufswahl-Gütesiegel in Baden-Württemberg bei 1146 Bewerbungen 840 Mal vergeben. 471 Schulen sind derzeit berechtigt, das Zertifikat zu tragen, davon rund 40 im Bereich der IHK Reutlingen/Tübingen/Zollern-Alb.

137 Schulen haben 2013/14 landesweit auditiert. Eine Erst-Zertifizierung schafften 47 Prozent (81), die Re-Zertifizierung 85 Prozent (56). Im Bereich der IHK wurde die Carl-Joseph-Leiprecht-Schule in Rottenburg neu ausgezeichnet. Die Eichendorff-Realschule in Reutlingen, die Brühlschule in Genkingen sowie die Realschule Meßstetten haben erneuert.

Beim Berufswahl-Siegel geht es um Best Practice-Projekte zu Berufs- und Studienorientierung, die über das vorgesehene Maß weit hinausgehen. "BoriS" soll Jugendlichen mehr Chancen einräumen, die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Unternehmen und Partnern nachhaltig unterstützen, das Image der Schulen stärken, Eltern eine Orientierung bieten und ein internes Qualitätsmanagement befördern.

ANE