Werkschau Beinahe lebendig: Menschen wie du und ich

Der Mensch, perfekt nachgeahmt: Skulpturen in der Kunsthalle
Der Mensch, perfekt nachgeahmt: Skulpturen in der Kunsthalle © Foto: Christina Hölz
Tübingen / Jügen Spieß 18.08.2018

Die zweite Ausstellung der seit 1. Januar amtierenden Leiterin der Kunsthalle Tübingen beschäftigt sich mit dem Hyperrealismus in der Skulptur: Unter dem Titel „almost alive“ stellt Nicole Fritz bis zum 21. Oktober 30 Exponate vor, die das Nachahmen menschlicher Figuren in Perfektion und bis zum Äußersten treibt. Die Ausstellung ist weltweit die erste, die die hyperrealistische Bewegung seit den 1960er-Jahren im Überblick präsentiert.

Wenn wir genau hinhören, was uns der Hyperrealismus in der Skulptur sagen möchte, dann wäre es vielleicht dies: Der Traum, ein möglichst realistisches Abbild des Menschen zu schaffen, sei fast so alt wie die Menschheit selbst und reiche bis in die Antike zurück. So haben Künstler im Verlauf der gesamten Kulturgeschichte Techniken entwickelt, um den menschlichen Körper so realistisch wie möglich abzubilden. Dabei war das bloße Vortäuschen von Lebendigkeit niemals das Ziel von Pionieren wie Duane Hanson oder John DeAndrea, sondern nur ein Mittel. Hanson, der mit den beiden Arbeiten „Bodybuilder“ (1990) und „Cowboy with Hay“ (1984–1989) vertreten ist, ging es darum, den Betrachter mit dem Bild des amerikanischen Durchschnittsbürgertum zu konfrontieren und DeAndrea kreierte „im Zuge der 68er-Bewegung ein neues, freieres Körperbewusstsein“, wie Kunsthallenleiterin Nicole Fritz erläutert.

Für die gemeinsam von der Kunsthalle und dem Tübinger Institut für Kulturaustausch kuratierte Ausstellung wurden Skulpturen aus allen Ecken der Welt zusammengetragen und chronologisch aufbereitet. Angefangen von den Pionieren der Bewegung aus den USA und Großbritannien, führt der Rundgang von Duane Hanson, John DeAndrea und George Segal über Robert Gober, Berlinde de Bruyckere oder Maurizio Cattelan bis hin zu jüngeren Positionen, die den Einfluss der Technik auf den menschlichen Körper thematisieren. Auch die Werke von Evan Penny, Tony Matelli oder Patricia Piccinini führen auf beklemmende Art und Weise vor Augen, dass die Grenzen zwischen dem menschlichen Körper und der Technik mittlerweile fließend sind und der Mensch im posthumanen Zeitalter in seiner jetzigen Gestalt selbst manipulierbar geworden ist.

Der australische Künstler Ron Mueck und sein fünf Meter langes und tausend Kilogramm schweres Silikon-Monsterbaby mit dem Titel „A Girl“ schafft hyperrealistische Skulpturen, die den Menschen in wichtigen Lebensphasen von der Geburt bis zum Tod darstellen. Sein Landsmann John DeAndrea zeigt als Pionier der Bewegung seine Skulptur „Lisa“, eine reglos auf dem Rücken liegende nackte Frau. Für Staunen sorgt auch die Skulptur des Franzosen Daniel Firman, der eine Frau zeigt, wie sie mit dem Oberkörper an der Wand lehnt und den Pullover über den Kopf zieht. Oder Tony Matellis Silikon-Figur aus dem Jahr 2010: Der Mann mit den haarigen Beinen hat die Schwerkraft hinter sich gelassen und schwebt 20 Zentimeter über dem Hallenboden.

Bei dem Mazedonier Zharko Basheski stemmt sich ein übergroßer nackter Mann aus Polyesterharz sogar aus dem betonierten Untergrund und mischt sich unter die schockierten Besucher. Für Aufsehen sorgen auch die hyperrealistischen Plastiken von Berlinde De Bruyckere und Maurizio Cattelan, die Körperteile vom Torso abgetrennt haben und sich damit gegen das dominante Körperideal der Supermodels in den 90er-Jahren wenden.

Die Schau führt vor Augen, dass die Darstellungen der menschlichen Körperlichkeit stets vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst wurden und rückblickend als Spiegel zeitgebundener Körperkonzepte gelesen werden können. Und sie wirft den Betrachter auf die Frage zurück, wie wir unseren eigenen Körper wahrnehmen.

Skulpturenschau mit Programm

Die Ausstellung „almost alive“ ist bis 21. Oktober in der Kunsthalle Tübingen zu sehen und wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet.

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