Reutlingen Behinderte kosten enorm viel Kraft

SWP 31.12.2013
Der Pflegeelternverein PFAD hat dieser Tage Betroffene über Unterstützungsmöglichkeiten informiert, denn Behinderte kosten enorm viel Kraft.

Nach seiner Mitgliederversammlung hatte der Verein der Pflege- und Adoptivfamilien Kreis Reutlingen (PFAD) zu einem Vortrag mit dem Thema "Finanzielle Hilfen für behinderte Pflegekinder" eingeladen. Vortragende war Ursula Schindler, Kinderkrankenschwester und Pflegemutter von drei Kindern, von denen eines mehrfach behindert und rund um die Uhr pflegebedürftig ist. Ursula Schindler ist eine vom Bundesverband behinderter Pflegekinder für den Kreis Reutlingen beauftragte Beraterin und hat in dieser Eigenschaft enorm viel Fachwissen angesammelt.

Ohne fremde Hilfe ist ein Leben mit behinderten Pflegekindern nicht aufrechtzuerhalten, wenn nebenher noch ein bisschen Privatleben und Erholung für die Eltern möglich sein soll. Die Hilfskräfte müssen besondere Erfahrungen und Qualifizierungen haben. Um sich Hilfe holen zu können, muss man außerdem über die Rechte des Kindes gut informiert sein. Es müssen entsprechende Anträge an die verschiedenen zuständigen Stellen wie Krankenkasse, Eingliederungshilfe und Jugendamt gerichtet werden. Andere Pflegende bleiben auf sich allein gestellt, wenn sie sich keine Unterstützung holen, die ihnen aber zusteht und auch immer gerne geleistet wird.

Die Erfahrung zeigt, dass Anträge im Bereich der offensichtlichen Behinderungen, also solcher im körperlichen oder geistigen Bereich, schneller genehmigt werden. Etwas anderes ist es mit den seelischen Behinderungen, die viele Pflegekinder haben. Hier sind es vor allem die "FAS-Kinder", Kinder mit fetalem Alkohol-Syndrom, einer vorgeburtlich entstandenen Schädigung durch Alkoholkonsum der Schwangeren, aber auch schwer traumatisierte Kinder, deren Schädigungen nicht gleich ins Auge fallen. Ihre Schädigung kostet eine Pflegefamilie im Alltag enorm viel Kraft, auch wenn die Intelligenz der Kinder in manchen Fällen nicht gelitten hat und auf manchen Gebieten sogar überdurchschnittlich sein kann.

Wie mache ich aber deutlich, dass Unruhe, Aggressivität, Unkonzentriertheit, Unfähigkeit zu tiefer Bindung, ständiges Weglaufen und eine starke Bezogenheit nur auf die eigenen Bedürfnisse und Seelenregungen weit über das normale Maß hinausgehen und oft jeder Beeinflussung trotzen? Nur ein ganz konsequent an dieser Behinderung ausgerichteter Alltag, der Katastrophen im Vorfeld abfängt, kann hier greifen und einer Familie ermöglichen, so etwas wie Normalität aufrechtzuerhalten. Was kann da ein Babysitter ausrichten? Nichts, denn er kommt zu schnell an seine Grenzen. Braucht so ein Kind mit fünf Jahren tagsüber immer noch eine Windel, dann benötigen Pflegeeltern schon die Unterstützung erfahrener Fachkräfte, um nicht schnell für unfähig gehalten zu werden.

So kann es dann immer wieder vorkommen, dass Pflegeeltern, deren Kind von der Krankenkasse die Pflegestufe eins mit der entsprechenden Vergütung zugesprochen bekommen hat, das erhöhte Pflegegeld, das ihnen wegen des höheren Erziehungsaufwands zusteht, von der Jugendhilfe genau um diesen Betrag wieder gekürzt wird. Ein langwieriger, oft Nerven zehrender Weg mit Einlegen von Widersprüchen wird dann notwendig. Darauf sollte aber auf keinen Fall verzichtet werden, denn es handelt sich um dringend notwendige Hilfen, die einem rechtmäßig zustehen. Und nur dadurch setzt sich allmählich auch bei der wirtschaftlichen Jugendhilfe eine Routine des Bewilligens durch, die es später auch anderen Familien erleichtert, ihr Recht zu bekommen. Dann wird es vielleicht auch nicht mehr passieren, dass sich eine Behörde mit der Bearbeitung eines solchen Widerspruches ohne Begründung über ein Jahr Zeit lässt.

So gesehen wäre es zu wünschen gewesen, bei diesem Vortrag nicht nur den Pflegekinderdienst, sondern auch die wirtschaftliche Jugendhilfe begrüßen zu dürfen.