Reutlingen Beeindruckendes Wirken und Werk

Reutlingen / JAN ZAWADIL 16.02.2015
Vor 175 Jahren kam Gustav Werner nach Reutlingen. Das Jubiläum feierte die Bruderhaus-Diakonie am Samstagabend. Zu den Gästen in der freien Georgenschule zählte auch EU-Kommissar Günther Oettinger.

Am 14. Februar 1840 traf Gustav Werner mit zehn Kindern und zwei Mitarbeiterinnen in Reutlingen ein. Kurz nach der Ankunft ahnte noch niemand, welche Bedeutung der Umzug des Pfarrers von Walddorfhäslach in die ehemals freie Reichsstadt haben sollte.

Dass Werner Benachteiligte unterstützte, war schon damals bekannt. Doch entwickelte er sich zunehmend zum Industrie- respektive Diakoniepionier, der ein sinnerfülltes Leben immer mit Arbeit verbunden hat. Wobei er schon damals die Folgen der Industrialisierung erkannte und kritisierte. Sei durch sie doch die Kluft zwischen arm und reich gewachsen.

Weil das Leben, Arbeiten und Wirken Gustav Werners mit Reutlingen seit Mitte des 19. Jahrhunderts untrennbar verbunden ist, feierte die Bruderhaus-Diakonie am Samstag den 175. Jahrestag des Umzugs in der freien Georgenschule. Zahlreiche Gratulanten waren in den Georgensaal gekommen. Neben Abgeordneten, Bürgermeistern und Gemeinderäten zählte auch EU-Kommissar Günther Oettinger zu den Gästen, der sich vom Wirken und Werk Werners sowie der Bruderhaus-Diakonie beeindruckt zeigte.

"Wenn man sich mit Gustav Werner beschäftigt, spürt man wie spannend die Geschichte und wie inspirierend sie für die Arbeit ist", erklärte Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der Diakonischen Werks Württemberg und ergänzte: "Mut und Weitsicht Gustav Werners brauchen wir mehr denn je." Zudem müsse jeder immer wieder hinterfragen, was dem Menschen diene. Der diakonische Auftrag stehe dabei zwischen der Logik des Unternehmertums. Auch Gustav Werner habe von Beginn seiner Arbeit an unter enormem ökonomischen Druck gestanden. Seine Fabriken habe er trotzdem nicht wegen des Geldverdienens gegründet, sondern um Arbeit zu schaffen.

Dass Werk und Wirken Gustav Werners Reutlingen geprägt haben, merkte auch Wirtschaftsbürgermeister Alexander Kreher an. Doch nicht nur das: Werner habe bereits damals Gegensätze miteinander versöhnt. Die Maschinen- und Möbelfabrik seien zudem nicht nur über die Region hinaus bekannt gewesen, auch heute seien die Werkstätten innovative und leistungsfähige Partner des Handwerks und der Industrie. Die Werteorientierung Werners, so Kreher weiter, sei heutzutage hingegen selten. Er wollte den Menschen zu einem würdigen Leben verhelfen. Letztlich habe durch Gustav Werner das soziale Engagement in Reutlingen eine Heimat gefunden.

Trotzdem standen nicht nur Werner und die Bruderhaus-Diakonie am Samstag im Mittelpunkt. Eine südkoreanische Delegation war ebenfalls zum Jubiläum gekommen und berichtete über den Aufbau der diakonischen Arbeit in ihrer fernöstlicher Heimat. Dass diese dringend notwendig sei, erklärte der evangelische Pfarrer Ju-Min Hong. Denn obwohl 22 Prozent der Koreaner dem protestantischen Glauben angehören, befinde sich die dortige evangelische Kirche derzeit in einer Krise. Verschärft habe die das Fährunglück mit rund 300 Toten im vergangenen Jahr - die Katastrophe sei als "Gottes Wille" interpretiert worden, berichtete Hong. Entsprechend würden viele Koreaner der evangelischen Kirche kritisch gegenüberstehen und deren verstärktes Wirken im sozialen Bereich fordern.