Im ehemaligen Kali-Kinosaal in der Katharinenstraße fühlte es sich irgendwie an wie Zuhause. Der Vorführraum mit Sternenhimmel und schabrackem Ambiente passte zur Auswahl der Kurzfilme, die sich das Premieren-Publikum per Akklamation auswählen durfte. Vom Feinsten: "Ebony Society", "The bloody Olive" und "Der kleine Nazi" sind Produktionen des Internationalen Kurzfilmtags. Am 21. Dezember, dem kürzesten Tag des Jahres, feiern Menschen auf der ganzen Welt ein ambitioniertes Genre mit sehr hochwertigen Produktionen. Zum ersten Geburtstag der Reutlinger gemeinnützigen Programmkino-Genossenschaft gab's ausnahmsweise die Preview.

Der große Kali-Saal im Erdgeschoss, in dem die Gründungsversammlung für das neue Reutlinger Programmkino vor einem Jahr stattgefunden hatte, kann nicht beheizt werden. Also hatten die Initiatoren die Geburtstagsparty in den Vorführraum unters Dach verlegt. Die neuesten Infos zum Planungsstand des Programmkinos gab's direkt vor der Leinwand. Der Saal fasst in etwa die gleiche Besucherzahl wie das projektierte "Kamino" im Wendler-Areal. Gründer-Zertifikate lagen in der Kinobar im Erdgeschoss aus.

"Es ist unser Kino, unser Projekt, mit dem wir uns identifizieren. Darin steckt alle Energie, die ein Einjähriges braucht, um sich zu entwickeln. Das ist schön, das zu spüren", eröffnete Aufsichtsrats-Vorsitzender Dr. Ulrich Bausch die erste Kamino-Geburtstagsfeier, aus der künftig eine kleine Tradition werden soll: "Man spürt das Wachstum, die Dynamik und den Lebenswillen. Ich hab' nicht den geringsten Zweifel, dass wir's hinbekommen."

Aktuell 543 Mitglieder mit 653 gezeichneten Anteilen innerhalb eines Jahres - "so was hat's in Reutlingen noch nicht gegeben. Dazu können wir uns alle gratulieren!", ermunterte Initiatorin Karin Zäh. "Man kann's sich bei sich selbst richtig nett machen, bei Wein und Antipasti. Sie sind ja alle Besitzer." Ziel für Karin Zäh ist die Tausender-Marke bei den Mitgliedern: "Dann können wir uns auch mal einen Film leisten, der keine schwarzen Zahlen schreibt."

Vorstandsmitglied Andreas Kissel präsentierte den Probelauf für die zehnköpfige Programmgruppe: Mit Unterstützung der Kinomacher Thorsten Hail (Forum 22 Bad Urach) und Gerhard Steinhilber (Open-Air-Kino Reutlingen) wurde für Dezember ein erstes fiktives Programm mit ambitionierten 17 Vorstellungen pro Woche aufgestellt. Filme, die derzeit real in den Programmkinos zu sehen sind. Die Statistik jedes Sellers wird zum Monatsende abgerufen. Daraus ergibt sich ein Trend für Reutlingen: Ob die Planer den Geschmack des Publikums getroffen haben und ob das finanziell funktionieren kann. "Wir wollen uns da rantasten", erklärte Kissel, "ab kommendem Herbst werden wir jeden Monat ein Programm anbieten".

Ziel ist "eine Mischung fernab des Mainstream, aus allen Kulturen und von allen Kontinenten. Alte und aktuelle Produktionen, die zu würdigen sind und solche, die in den kommerziellen Kinos gar nicht zu sehen waren. Ein Bedarf an anspruchsvollen Kinderfilmen besteht". Wie das Geschäft im Hintergrund läuft, versuchte Klaus Kupke kurz zu erklären: "Je unabhängiger wir sind, auch finanziell, desto unabhängiger können wir unser Programm gestalten." Dabei zählt auch die Marktmacht gegenüber den Verleihern, die durch einen Programmkino-Verbund hergestellt werden soll.

Info Weiterführende Informationen zu Kamino finden sich unter www.programmkino-reutlingen.de.