Reutlingen Bauarbeiter finden Götterstein

Die Abbildung auf dem Viergötterstein, der jetzt in Reutlingen gefunden wurde, zeigt die „Zwillinge“ Castor und Pollux.
Die Abbildung auf dem Viergötterstein, der jetzt in Reutlingen gefunden wurde, zeigt die „Zwillinge“ Castor und Pollux. © Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg / Marc Heise
Reutlingen / swp 24.08.2018
Der Stein wird jetzt in Tübingen von Mitarbeitern des Landesamt für Denkmalpflege untersucht und restauriert.

Mitte Juli wurde das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (LAD) darüber informiert, dass bei Bauarbeiten auf dem Gelände der Robert Bosch GmbH in der Tübinger Straße in Reutlingen ein Steinquader mit bildlichen Darstellungen entdeckt wurde. Während eines Ortstermins stellte sich heraus, dass es sich um einen ganz besonderen Fund handelt.

Der Bagger hatte einen etwa 1800 Jahre alten „Viergötterstein“ aus dem Kies der Echaz ans Tageslicht befördert. Viergöttersteine sind Teile von römerzeitlichen Jupitergigantensäulen, die vor allem in der römischen Provinz Germania Superior errichtet wurden, in der auch das heutige Reutlingen liegt. Diese Monumente bestehen in der Regel aus einer Säule, die von einer Figurengruppe bekrönt wird, die Jupiter auf einem Pferd zeigt, wie er ein Blitzbündel schleudert und einen Giganten niederreitet. Die Säule selbst steht auf einem achtseitigen Wochengötterstein mit der Darstellung der Wochentage; darunter befindet sich – als Basis – ein Viergötterstein. Auf dessen Seiten sind Abbildungen von unterschiedlichen griechisch-römischen oder keltischen Gottheiten und gelegentlich Inschriften angebracht.

Bei den Jupitergigantensäulen handelt es sich um provinzialrömische Monumente, die im Laufe des ersten Jahrhunderts erstmals auftraten und vor allem im zweiten und frühen dritten Jahrhundert häufig aufgestellt wurden. Man errichtete sie an ganz unterschiedlichen Orten, wie zum Beispiel in heiligen Bezirken, an Straßenkreuzungen, auf zentralen Plätzen oder bei landwirtschaftlichen Gehöften. Mit dem Abzug des römischen Militärs und dem Ende der römischen Herrschaft im 3. Jahrhundert nach Christus wurden diese Säulen zerstört und beseitigt, lediglich in Ostfrankreich ist noch ein seit der Antike erhaltenes Denkmal bekannt.

Der Stein aus Reutlingen wurde von Mitarbeitern des Landesamt für Denkmalpflege mit Unterstützung von Bosch und den Baufirmen vor Ort verladen und zur Restaurierung beziehungsweise Untersuchung in den Dienstsitz des Landesamt für Denkmalpflege nach Tübingen gebracht.

Die wissenschaftliche Bearbeitung ist zwar erst angelaufen, aber dennoch gibt es bereits einige vorläufige Ergebnisse. Die Götterdarstellungen sind sehr gut erhalten und ihre Qualität zeugt vom großen Können des Bildhauers. Dargestellt sind Merkur und Minerva sowie eine weitere weibliche Gottheit die noch nicht eindeutig bestimmt ist. Möglicherweise handelt es sich um Ceres, die Göttin des Ackerbaus und der Ehe. Die vierte Seite ist ungewöhnlich. Hier sind zwei Personen dargestellt, die bisher noch nicht bestimmt werden konnten. Es sind bärtige Männer, von denen einer dem anderen den Arm um die Schulter legt. Möglicherweise handelt es sich um die Brüder Castor und Pollux, die aus der griechischen Mythologie bekannt sind und auch von den Römern verehrt wurden (dagegen sprechen die fehlenden Mützen und die gewöhnlicherweise jugendliche Darstellung).

Genau genommen ist der Reutlinger Fund also kein Vier-, sondern ein Fünfgötterstein. Er ist sowohl aus regionalgeschichtlicher als auch aus wissenschaftlicher Sicht ein wichtiger Fund und betont die Bedeutung der römischen Besiedlung im heutigen Reutlingen.

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