Ich bin ja fast schon erschlagen, dass Mord und Totschlag so zieht“, sagte Peter Bay. Mehr als 60 Interessierte hatten sich am Heimatmuseum eingefunden, um an der Führung durch die Stadt unter genau diesem blutrünstigen Motto mehr über Zwist und Niedertracht in der Achalmmetropole zu erfahren. Und sie wurden auch nicht enttäuscht: „Mit dem Richtschwert, das hier im Heimatmuseum ausgestellt ist, hingerichtet zu werden, war allemal ehrenvoller als mit dem Strick aufgehängt zu werden“, erzählte Bay.

Begonnen hatte das urkundlich dokumentierte Morden im Jahr 1377, mit der Schlacht um Reutlingen. Damals hatten die hier lebenden Bürger 66 Ritter erschlagen und später auf dem Marktplatz ausgestellt. Ludwig Uhland hatte das Gemetzel mit einem Gedicht festgehalten, er sprach vom „baden in heißem Ritterblut“ oder auch dass „Blut spritzt wie Regen“. Das sei im Übrigen das erste Mal gewesen, dass ein Ritterheer von einfachen Städtern besiegt wurden, betonte Bay.

Begonnen hat das urkundlich dokumentierte Morden im Jahr 1377

In der Zunftstube des Heimatmuseums berichtete der Stadtführer zudem von Hexenverfolgungen, als vor allem im 16. Jahrhundert Sündenböcke für alles erdenkliche Ungemach gesucht wurden. Opfer waren damals vor allem „randständige, meist alleinstehende Frauen“, so Bay. Allerdings fanden die Anklagenden nichts dabei, sich an Hab und Gut der vermeintlichen Hexen zu bereichern. „Das war keine feine Sache.“

Alles andere als fein war auch die Zeit der Nationalsozialisten, der die riesige Stadtführungsgruppe im Luftschutzkeller des Heimatmuseums auf den Grund ging: Bay erinnerte etwa an Alice Haarburger, eine Jüdin aus Reutlingen, die den „richtigen“ Zeitpunkt zur Flucht in die Schweiz verpasste, und 1942 in Riga zusammen mit ihrer Mutter erschossen wurde.

Auch in Grafeneck gab es viele Opfer aus Reutlingen

Ein ähnliches Schicksal erlitt auch Friederich Laage, der als Epileptiker und Sohn eines Reutlinger Künstlers in einer Anstalt in Stetten lebte. „Er kam schließlich nach Grafeneck und wurde dort 1940 ermordet.“ Auch diese Zeit „gehört zu Mord und Totschlag in Reutlingen“, sagte Bay. Ebenfalls Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurde die Familie Reinhardt, die einst im Wächterhäuschen am Gerbersteg lebte. Bekannt war das Gebäude einst unter dem Titel ‚Zigeunerhäuschen‘“, wie Bay berichtete. „Am 15. März 1943 stand die Polizei vor der Tür.“ Die Sinti-Familie wurde abtransportiert und in Auschwitz ermordet.

Letzte Hinrichtung mit dem Schwert im Jahr 1829

Peter Bay hatte noch unzählige weitere Mords-Beispiele mitgebracht, etwa die des Hilfspfarrers Brehm, der in der Marienkirche tätig war. Ein rechter Geizkragen sei das gewesen, als das ihn versorgende Mädchen schwanger wurde, war das selbstverständlich ein Skandal. Ein Kind wurde heimlich geboren, Brehm habe es in den Keller des einstigen Dekanats gelegt. Nachdem es mit dem Schreien nicht aufhören wollte, habe der Pfarrer das Kind getötet und vor Ort verscharrt. Die Polizei kam, fand das Kind, und Brehm wurde am 18. Juli 1829 auf dem Galgenberg zwischen Reutlingen und Betzingen mit dem Richtschwert geköpft. „Das war die vorletzte Hinrichtung in der Achalmstadt“, erzählte Bay.

Andere Beispiele stammen aus der jüngeren Zeit: Etwa die fünf Feuerwehrleute, die quasi aus Versehen im Schönen Weg erschossen wurden – weil sie von den Franzosen mit ihren glänzenden Helmen für Soldaten gehalten wurden. Ebenfalls im Schönen Weg wurden vier Geiseln hingerichtet, die für ein Ereignis büßen mussten, für das sie nichts konnten: Ein Franzose war in der Stadt mit dem Motorrad verunglückt. Die Besatzer werteten das allerdings als Mord und forderten von den Reutlingern als Ausgleich eine Liste mit Alt-Nazis. Am 24. April 1945 wurden dann ein Architekt, ein Schreinermeister, ein Arzt und ein Zeitungsredakteur hingerichtet. Ob Oskar Kalbfell tatsächlich diese Personen benannt hatte, ist bis heute ungeklärt. „Das war damals eine schlimme Zeit“, sagte Bay.

Schlimm war allerdings auch der 24. Juni 2016, als ein syrischer Flüchtling mit einem Dönermesser im Bereich von Karlstraße und Federnseeplatz Amok lief, dabei mehrere Personen verletzte und eine Arbeitskollegin aus einem Imbiss tötete.

Tagdiebe erdrosseln 1853 eine Wirtin

Viel heimtückischer war dagegen die Tat von zwei „Tagdieben“, die im Oktober 1853 die Besitzerin einer Schankstube gegenüber der Nikolaikirche „erdrosselt und ermordet“ haben, wie Bay ausführte. Vermögen fanden sie aber nicht, nur Ketten und Ringe und ein signiertes Gesangbuch. Letzteres wurde ihnen schließlich zum Verhängnis: Beide sind gefangen worden und gingen als letzte Hinrichtung in Tübingen am Österberg mit dem Fallbeil in die Chroniken ein.

Das Fazit dieser besonderen Stadtführung: Auch in Reutlingen gab es seit eh und je Mord und Totschlag. Was vor allem eins beweist: Die Einwohner an der Achalm sind auch nicht besser als andernorts.

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