Kreishandwerkerschaft Autohäuser als Prügelknaben

Kreishandwerksmeister Dieter Laible (links) und  Ewald Heinzelmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, begrüßen Festredner Prof. Eugen Wendler in ihrer Mitte.
Kreishandwerksmeister Dieter Laible (links) und  Ewald Heinzelmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, begrüßen Festredner Prof. Eugen Wendler in ihrer Mitte. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Norbert Leister 09.01.2018

Das Handwerk hat im vergangenen Jahr von der guten gesamtwirtschaftlichen Situation profitiert“, sagte Kreishandwerksmeister Dieter Laible am Montagabend beim Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft im Reutlinger Dominohaus. „Die Auftragslage ist in den allermeisten Betrieben zufriedenstellend“, fügte Laible hinzu. Allerdings wolle er dem Eindruck entgegentreten, das Handwerk sei so überlastet, „dass es kleinere Aufträge gar nicht mehr ausführen kann“. Das sei nämlich mitnichten so. Dieter Laible bittet jedoch um Verständnis, „wenn nicht jeder Auftrag exakt zu dem Zeitpunkt ausgeführt werden kann, zu dem es der Kunde gerne hätte“.

Um wieder mehr Nachwuchs zu gewinnen, wolle die Kreishandwerkerschaft nun in einem „Pilotprojekt“ auf die Jugendfeuerwehr zugehen, um den jungen Engagierten das Handwerk näherzubringen, betonte Laible. Grundsätzlich sei allerdings dringend vonnöten, „den Fokus darauf zu richten, dass gut ausgebildete Fachkräfte auch längerfristig im Handwerk bleiben und nicht in andere Wirtschaftsbereiche wechseln“. Kritik äußerte er am Montagabend sowohl an der Politik als auch an den Automobilherstellern: Autohäuser befänden sich genau zwischen diesen beiden Polen und müssten als „Prügelknaben“ herhalten. Dabei bleibe es aber nicht: „Die Diesel-Affäre“ bringe gerade für die Autohäuser „betriebswirtschaftliche und finanzielle Auswirkungen“ mit sich. „Das Handwerk steht für seine Fehler gerade und bringt sie wieder in Ordnung, nichts anderes erwartet man von den Autoherstellern“, betonte Laible und erntete für diese Aussage Applaus vom Publikum des Neujahrsempfangs. Nochmals Kritik an der Politik äußerte der Chef der Kreishandwerkerschaft mit Blick auf die mangelhafte Finanzierung der Renten in Deutschland: „Rentner in Österreich haben bei ähnlichem Erwerbslebenslauf einen nahezu doppelt so hohen Rentenanspruch wie in Deutschland.“ Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet hätten, müssten auch im Alter abgesichert sein – ohne zusätzlich auf staatliche Transferleistungen angewiesen zu sein. Da sei die Politik gefordert und müsse endlich reagieren, so Laible.

Es gab am Montagabend im Dominohaus allerdings auch noch andere als kritische Beiträge: Von Joe Vox etwa, der mit Gitarre und viel Stimme für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgte. Und auch von Prof. Eugen Wendler, der als Gastredner auf die nahezu hellseherischen Fähigkeiten von Reutlingens bekanntestem Sohn, Friedrich List, einging: Als einer der bedeutendsten deutschen Wirtschaftstheoretiker habe List sich stets für die soziale Marktwirtschaft eingesetzt – auch wenn er heute von Befürwortern von US-Präsident Donald Trump „als Schutzheiliger“ dargestellt werde. „Friedrich List ist immer für den Freihandel eingetreten“, so Wendler. Allerdings habe er auch dafür plädiert, dass schlechter entwickelte Länder Schutzzölle erheben dürften.

List sei laut Wendler in seiner Zeit wahrlich ein Visionär gewesen, denn schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe der Wirtschaftstheoretiker sich für die Gründung des Deutschen Zollvereins und der Deutschen Wirtschaftsunion eingesetzt. Und er habe zudem später erkannt, dass „eine Kontinentalallianz“ – wie sie dann viel später mit der Europäischen Union verwirklicht wurde – dringend vonnöten sei, um Amerika die Stirn bieten zu können.

Sogar die Bedeutung der nordafrikanischen Staaten für die europäischen Länder habe Friedrich List vorhergesehen. Wenn das Bevölkerungswachstum in Afrika nämlich so weitergehe, würden die Länder im Norden des Kontinents noch eine bedeutende Rolle spielen, betonte Eugen Wendler als ehemaliger Professor an der Reutlinger Hochschule und als profunder Kenner von Friedrich List. „Ich habe nun mein 21. List-Buch fertiggestellt – und das“, sagt er, „wird sogar in chinesischer Sprache erscheinen“.

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