Hochschule Auto als funktionale Wellness-Oase

Was da wohl noch alles kommen mag: Auf der Suche nach neuen Produktideen, exklusivem Design und Styling bei Lastwagen-Sitzen wird Karl-Heinz Wagener von der Isringhausen GmbH fündig bei René Shares, Drittsemester Transportation Interior Design (TID) an der Hochschule Reutlingen, der gerade am „MAN-Truck Projekt“ arbeitet.
Was da wohl noch alles kommen mag: Auf der Suche nach neuen Produktideen, exklusivem Design und Styling bei Lastwagen-Sitzen wird Karl-Heinz Wagener von der Isringhausen GmbH fündig bei René Shares, Drittsemester Transportation Interior Design (TID) an der Hochschule Reutlingen, der gerade am „MAN-Truck Projekt“ arbeitet. © Foto: Jürgen Herdin
Reutlingen / Jürgen Herdin 06.02.2017

Die automobile Zukunft wartet nicht auf Hersteller, Ideen und Visionen aus Deutschland. Die haben ja bekanntlich die Elektromobilität ziemlich verschlafen, erst einmal von hoher Warte aus die Beobachterposition eingenommen – und heute hinken sie immer noch gewaltig hinterher.

Doch in Sachen funktionales Design der Autos von morgen wollen sie ganz vorne mit dabei sein. Und einige Unternehmen investieren dabei vor allem auch in junge Leute, Forscher, die in ihren Hochschulen nicht nur jede Menge pfiffige und fortschrittliche Ideen produzieren, sondern diese auch buchstäblich greifbar zur Schau stellen – von Materialien für Sitze und Armaturen bis hin zur edlen, aber funktionalen Möblierung des Innenraums.

Was da bereits in den Schubladen der Automobilkonzerne, respektive bei deren Zulieferern der serientauglichen Realisierung harrt, ebenso auch neue Konzepte und Konzeptionen, visualisierte Visionen  inklusive, war dieser Tage im Reutlinger IHK-Forum zu sehen. Dies schon vorab: Die Fachwelt war beeindruckt, unter ihnen auch namhafte Designer der automobilen Welt.

 „Future Mobility – Concepts and Design“ hieß die Werkschau, in der Studierende des Studiengangs „Transportation Interior Design“ (TID) an der Hochschule Reutlingen Arbeiten für MAN Trucks Volkswagen, Daimler, aber auch markenübergreifende Zukunftskonzepte vorstellten. „Interaktive Materialien“, künftige Nutzergewohnheiten, 3D-Entwürfe und die Visualisierung ihrer Ideen bildeten den Schwerpunkt – in bewegten Bildern aber oft bereits als „begreifbare“ Modelle und Werkstoffmuster.

 Es geht um innovative Fahrzeug- und Mobilitäts-Konzepte und natürlich ums autonome Fahren, das, konsequent weitergedacht, dann ja die Verwandlung des bisherigen Cockpits in eine individuelle Wohnlandschaft mit entsprechenden Wellness-Features zur Folge haben kann.

Leichter, auf funktionale Weise wohnlich, effizient, flexibel und damit deutlich bedienerfreundlicher sollen die Fahrzeuge werden. Vor diese Aufgabe gestellt, scheinen Textiler, Teilezulieferer, die Chefdesigner der automobilen Welt und die Konzernvorstände nicht nur begriffen zu haben, wohin der Hase läuft, sondern sie sind längst auf überaus kreative Weise unterwegs.

Das wurde in der aufschlussreichen und spannenden Expertenrunde mit renommierten Vertretern der Textil- und Automobilindustrie deutlich, die von IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Epp moderiert wurde. „Es wird massive Umbrüche in den Nutzungsgewohnheiten von Fahrzeugen geben“. Dies gab Prof. Harald Dallmann, Vizepräsident der Hochschule Reutlingen, der Runde ebenso auf den Weg, wie er darauf beharrt, dass, wolle man den neuen Bedürfnissen gerecht werden, „verrückte und visionäre Gedanken“ unverzichtbar sind.

„Wir müssen uns komplett anders aufstellen, zumal die heutige Generation Z. das Auto nicht mehr als Statussymbol sieht“. Arved Westerkamp, Geschäftsführer des Rökona Textilwerks in Tübingen machte deutlich: „Wir brauchen Querdenker im Unternehmen“. Leute, die stimulieren können und zielgerichtet  an der Realisierung von neuen Produkten arbeiten; die jedoch – trotz aller Trends zur Individualisierung – für den Massenmarkt tauglich sein müssen. Soweit zur Kostenfrage beim textilen Innenleben der Autos von morgen.

Und was wird aus den Brummis? Der Lastwagen „als „sozialer Treffpunkt auf dem Rastplatz“ könnten die  „MAN-Trucks  der Zukunft“ werden. So stellt sich beispielsweise Maxim Kimmerle, Drittsemester im TID, eine ausziehbare Fahrerkabine vor, mit Klapptisch und eingebauter Küche. Und wie lange wird denn im „Socializer Truck“ von morgen überhaupt noch ein Fahrersitz benötigt – wenn doch der 40-Tonner dann ganz autonom fährt?

Das gefällt auch Holger Koos, der als Vizepräsident bei MAN fürs Styling zuständig ist. Seine klare Position: Wenn man den Fahrerarbeitsplatz einmal nicht mehr benötige, dann komme es auf ein ansprechendes Design des Cockpits für die Mitfahrenden an. „Eine Lounge statt Fahrgastzelle also,“ ergänzte Epp.

Martin Bremer von der Daimler AG, er ist Chefstratege  fürs Corporate Design der Nobelmarke, geht da noch weiter. Man denke immer noch an das Auto, wie es seit 130 Jahren gebaut wird – und das sei überholt. „Heute haben wir immer noch zu viele rein vernunftbetonte Konzepte im Kopf“, so Bremer. Indes: „Wir wollen besser unterhalten werden und mehr Ambiente haben im Automobil“, sagte Bremer, der auch laut über die Zukunft des Nutzerverhaltens nachdachte. „Ich kann mir das Modell Car Sharing vorstellen, Autos, die dann beispielsweise auf App-Abruf kommen.“

„Als Hochschule für angewandte Wissenschaften“ ist auch das TID in Reutlingen hoch produktiv. „Wir arbeiten an ganzheitlichen Lösungen“, so deren Dekan Prof. Michael Goretzky, der sich natürlich ebenso wie seine Kollegin Prof. Andrea Lipp gefreut hat, dass zu der Schau so viele einflussreiche Autodesigner gekommen waren.

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