Ausstellung Moderne Stadtlandschaften

Reutlingen / Otto Paul Burkhardt 18.11.2016

Zwei Bilder besaß das Spendhaus seit längerem von ihr. Und jetzt bei der Vorbereitung zur Ausstellung sind vier weitere Gemälde sauber verpackt im Keller des Isolde-Kurz-Gymnasiums aufgetaucht: Die Rede ist von der Malerin Alice Haarburger. Das Spendhaus zeigt nun eine Ausstellung mit Bildern der in Reutlingen geborenen und aufgewachsenen Künstlerin. Die Werkübersicht trägt den Titel  „après tout – das eigene Gefühl. Alice Haarburger zum 125. Geburtstag“. Zur Eröffnung am Sonntag, 20. November, 11 Uhr, spricht die Kunsthistorikerin Joana Pape.

Hinter dem Titel, erzählt Joana Pape, die Kuratorin der Ausstellung, verbirgt sich folgende Geschichte: Alice Haarburger war von ihrem Bruder Karl, der sich in Sachen Heirat nicht recht entscheiden konnte, um Rat ersucht worden – die Malerin antwortete ihm sinngemäß „après tout (nach allem) – da musst Du Dich aufs eigene Gefühl verlassen“.

Nach einem Suchaufruf im Vorfeld, berichtet Joana Pape, seien von den wohl 150 Bildern Alice Haarburgers 70 wieder aufgefunden und erfasst worden, oft ohne Titel und undatiert. Die gezeigte Auswahl von 41 Arbeiten sind Stadtlandschaften, Interieurs, Stillleben und Porträts. Der Stuttgarter Kunstexperte Wolfgang Kermer war es, der 1987 das Werk Haarburgers wieder entdeckte.

Am 16. November 1891 kam sie in Reutlingen als Tochter eines jüdischen Kartonage-Fabrikanten zur Welt. Die Familie zog 1903 nach Stuttgart, an der Kunstakademie dort und an der Münchner Debschitz-Schule, die auch Kirchner, Kollwitz und Münter besucht hatten, studierte sie später und hatte in den 20ern etliche Ausstellungen. Nach der Enteignung der Familie 1938 wurde Alice Haarburger 1941 ins Konzentrationslager Riga deportiert und 1942 von NS-Schergen bei einer Massenerschießung ermordet.

Sie gehörte zur ersten Frauengeneration, die ein Kunststudium aufnehmen konnte. Ihr Lebenslauf ist exemplarisch fürs 20. Jahrhundert. Die ersten Ausstellungen nach der Wiederentdeckung ihres Werks 1991/92 – auch in Reutlingen – waren noch stark von der Aufarbeitung ihrer Biographie geprägt. Die aktuelle Übersicht im Spendhaus, betont Joana Pape, will nun das malerische Oeuvre näher betrachten.

Cézanne zählt sicher zu den wichtigsten Einflussgebern, aber auch der deutsche Impressionismus, der sich durch dunklere, erdigere Farben auszeichnete. Wer will, entdeckt in den Spielzeug-Stillleben Parallelen zu Gabriele Münter und Paula Modersohn-Becker. Auch die Porträts erinnern an die Neue Sachlichkeit. Und in den späten Bildern verbergen sich Züge eines expressiven Realismus. Einflüsse, die sie aufgreift und daraus eine eigene Handschrift formt.

Vor allem war sie eine moderat moderne Malerin, die – etwa beim „Blick auf Stuttgart mit Tagblatt-Turm“ (nach 1927) – dieses erste Stahlbeton-Hochhaus Deutschlands  ins Zentrum rückte. In „Nächtliches Stuttgart“ zeigt sie den Turm neonbeleuchtet im New-York-Look: als Symbol der Moderne. Im Stillleben „Lieblingsspielzeug“ (1932) findet sich neben Teddybär, Clown und Kuschelhase eine Micky-Maus-­Plüschfigur, ein damals aktuelles Thema der US-Populärkultur.

Das um 1940, nach Jahren der Ausgrenzung  entstandene Selbstporträt Alice Haarburgers zeigt eine Frau mit klarem, selbstbewusstem Blick. In der Sandbergerstraße 26, ihrem letzten Stuttgarter Wohnort, erinnert eine Gedenktafel, ein „Stolperstein“, an die lange vergessene Malerin.

Zur Ausstellung – Dauer und Eröffnung – Rahmenprogramm

Ausstellung „après tout – das eigene Gefühl“ – Alice Haarburger zum 125. Geburtstag: 20. November 2016 bis 2. April 2017.

Eröffnung Sonntag, 20. November, 11 Uhr, im Städtischen Kunstmuseum Spendhaus. Es begrüßt OB Barbara Bosch, eine Einführung hält Joana Pape vom Spendhaus.

Rahmenprogramm
Jahresausstellung „Ins Licht gerückt – 65 Jahre Gedok Reutlingen“: 23. November bis 4. Dezember. Eröffnung: 23. November, 19 Uhr, Spitalhofsaal. Durch beide Ausstellungen (Spitalhof und Spendhaus) führt die Kuratorin und Kunsthistorikerin Joana Pape am Sonntag, 27. November, 15 Uhr.

Finissage Gedok-Jahresausstellung, Sonntag, 4. Dezember, 17 Uhr Spitalhof: Vortrag von Joana Pape über „Die Bedeutung der Künstlerinnenvereine im 20. Jahrhundert“.

Kunst-Pause mit Joana Pape und Stadtführung mit Dr. Christl Ziegler zur Biographie Alice Haarburgers: Samstag, 7. Januar, 12 Uhr. Eine Kooperation mit der Frauen-Geschichtswerkstatt.

Vortrag und kommentierte Filmvorführung: „Filmbilder von der Deportation der jüdischen Bevölkerung in Stuttgart 1941“: Dr. Günther Riederer: Sonntag, 26. März, 15 Uhr. Eine Veranstaltung zum 75. Todestag Alice Haarburgers.

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