Aus Mehmet wird Johann Friedrich

Die freie Reichstadt Reutlingen im Jahr 1629 mit der dominierenden Marienkirche - knapp hundert Jahre vor dem verheerenden Stadtbrand.
Die freie Reichstadt Reutlingen im Jahr 1629 mit der dominierenden Marienkirche - knapp hundert Jahre vor dem verheerenden Stadtbrand. © Foto: Sammlung Wendler
PROF. DR. DR. EUGEN WENDLER 13.05.2015

In den "Historischen Denkwürdigkeiten der ehemaligen freien Reichsstadt Reutlingen" von 1845 zählt der Chronist Christoph Friedrich Gayler die erste "Türkentaufe" im Herbst 1689, also vor 325 Jahren, unter dem damaligen Hauptprediger und Stadtpfarrer Johann Jakob Eisenlohr (1655 bis 1731) zu den bemerkenswerten Ereignissen.

Gayler bezeichnet Eisenlohr als "einen Mann von ausgezeichneten Talenten und Kenntnissen, aber von heftigem Temperament und hochstrebendem Sinn". Trotz seiner charakterlichen Schwächen lobte der Chronist den Prediger mit den Worten, dass er in der bisherigen Stadtgeschichte (also bis 1845) keinen Geistlichen kenne, welcher mehr gefeiert worden sei als Eisenlohr; selbst der Reutlinger Reformator Matthäus Alber sei davon nicht ausgenommen.

Eisenlohr wurde 1680 an die Marienkirche berufen. Unter seinem Predigtamt fand dann im Herbst 1689 die denkwürdige Türkentaufe statt, von der Gayler meint, dass die Stadt Reutlingen eine solche "wohl nie wieder erleben" werde.

Infolge der Türkenkriege im 17. Jahrhundert, an denen auch der Oberwachtmeister Otto Hilmer von Haimburg teilgenommen hatte, brachte dieser einen etwa 15-jährigen Türkenjungen mit. Wie er zu diesem kam, ist nicht überliefert. Er sprach leidlich deutsch, ohne jedoch schreiben und lesen zu können. "Dieser wollte oder sollte ein Christ werden." Der Reutlinger Prediger war dazu bereit, den Burschen zu taufen; er erteilte ihm täglich Religionsunterricht und unterzog ihn zweimal am 29.10 und 7.11.1689 in der Marienkirche einer öffentlichen Prüfung. Nachdem er diese bestanden hatte, wurden dem Jungen nach alter christlicher Sitte von "zwei edlen Jungfrauen" (!) ein weißes Gewand angelegt. Am 10. November war dann der Tauftag. Der Türkenjunge wurde vom Rathaus in einer Prozession zur Kirche geführt; dort wurde er wieder von zwei Jungfrauen (!) in Empfang genommen, die ihm wieder das weiße Gewand und eine seidene Binde anlegten und ihm einen grünen Kranz aufs Haupt setzten. Eisenlohr hielt die Taufpredigt und nahm die Taufhandlung vor. Taufpaten und -patinnen waren alle Geistlichen und Diakone sowie die wichtigsten Personen der Stadtverwaltung und mehrere standesgemäße Damen.

Mit der Taufe wechselte der Junge den Namen. Er legte seinen Namen Mehmet ab und wurde auf den Namen Johann Friedrich getauft. Die Feier wurde "von guter Musik" umrahmt, wobei sogar Musiker aus Urach und Münsingen vertreten waren. Nach der Taufzeremonie ging es wieder mit einer Prozession zum Rathaus, wo "ein stattliches Bankett" mit Spielleuten und Tanz veranstaltet wurde; eine in der Tat denkwürdige Konfirmation!