Das heutige Verständnis von Chirurgen als hochqualifizierten medizinischen Spezialisten erinnert wohl kaum noch an die Anfänge des Berufs, der erst im 19. Jahrhundert auf eine akademische Grundlage gestellt wurde. Lediglich nach der griechischen Wortherkunft bezeichnet „Chirurg“ ursprünglich den „mit der Hand Arbeitenden, ein Handwerk, eine Kunst Ausübenden“. Wundärzte oder Chirurgen absolvierten bis zur Akademisierung des Berufsbildes eine Lehrzeit wie in anderen Handwerksberufen auch und waren bis 1814 in Württemberg zunftmäßig organisiert.

Allerdings war man sich schon früh der besonderen Verantwortung dieses Handwerks bewusst, „weil man in dieser Kunst nicht Holtz, Stein, Eisen oder dergleichen, wie in andern Handwerckern, sondern den zum Ebenbild Gottes erschaffenen menschlichen Leib unter Handen, und zu curiren hat, deßwegen auch an jedem rechtschaffenen Wund-Arzt grosse Geschicklichkeit und Vorsichtigkeit erfordert wird“, wie es in der zugehörigen Barbierer- und Bader-Ordnung aus dem Jahr 1663 heißt.

Während den akademisch gebildeten Medizinern die Innere Medizin vorbehalten war, erstreckte sich das Aufgabengebiet des Chirurgen auf alle operativen Eingriffe, wie sie in der Verdienstübersicht der württembergischen Medicinal-Ordnung aus dem Jahr 1756 detailliert angeführt wurden: Dazu gehörten im Zeitalter vor der Narkose etwa einen „Zahn einsetzen, brennen, mit Bley auszufüllen, und putzen; Aderlässe an der Stirn“ oder auch die Amputation von Gliedmaßen.

In Pfullingen gingen seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrere Wundärzte aus der Familie Muff hervor. Ein besonders anschauliches Dokument vor allem der „Lehr- und Wanderjahre“ des Begründers des Chirurgenzweiges der Familie, des Stadtrates und Wundarztes Philipp Ludwig Muff (1749 – 1832), wurde dem Stadtarchiv im vergangenen Jahr von einem aufmerksamen früheren Mitarbeiter der Böblinger Stadtverwaltung überlassen, der es von einer Privatperson erhalten hatte. Dabei handelt es sich um ein Stammbuch, quasi Vorläufer des Poesiealbums. Ohne einen direkten Eigentümervermerk weist das Büchlein, das sich auf den Zeitraum zwischen 1770 und 1790 erstreckt, auch viele in Pfullingen getätigte Eintragungen auf. Philipp Ludwig Muff ließ sich als Eigentümer identifizieren. Einige der Beiträger, wie der Augsburger Bürger Jacob Rupertus Mayer („Herr Muff hat mich recht wohl versehen“), bedanken sich etwa für erfolgreiche Behandlungen, andere Verse haben einen deutlich ironischen Unterton, der die Unzulänglichkeiten in der medizinischen Versorgung anklingen lässt, die zusätzlich von vielen Scharlatanen geprägt war: „Vor Streit, vor Zanck, vor Hader / vor Doctor und vor Bader / vor Advocaten und Bettelbrodt / behüt uns lieber Herre Gott“, schrieb ein „J. St.“ am 15. Dezember 1775 „zu gutem Angedencken“ Muff ins Stammbuch. Zuweilen geht es sogar etwas frivol zu, wenn etwa um einen Fischfang der besonderen Art fiktive Äußerungen einzelner gesellschaftlich repräsentativer Personen entwickelt werden. Wie bei diesem Beispiel sind die vielen selbst gezeichneten und kolorierten Abbildungen sicherlich das Bemerkenswerteste des Stammbuchs, bereits damals gab es jedoch auch schon vorgefertigte Stammbuchblätter, auf die die weniger künstlerisch begabten Schreiber zurückgreifen konnten.

Nach den zahlreichen Eintragungen aus Augsburg absolvierte Muff dort von etwa 1770 bis Anfang 1776 eine chirurgisch (-handwerkliche) Ausbildung, die er wohl in Berlin fortzusetzen plante. Das Verlassen Augsburgs war dann wohl auch für viele von Muffs Weggefährten („Studenten“ der Chirurgie, Barbiere und Perückenmacher) Anlass, sich in seinem Stammbuch zu verewigen. Eintragungen aus Berlin sind dann allerdings nicht überliefert.

Natürlich brachte auch der Buchbesitzer durch solche Bekanntschaften gegenüber weiteren Beiträgern seine herausgehobene gesellschaftliche Position zum Ausdruck. Dazu fügte es sich trefflich, dass Philipp Ludwig Muff im Jahr 1779 die Tochter des „reisigen“ (berittenen) Försters Sattler aus St. Johann ehelichte, die man gerne ins Pfullinger Bürgerrecht aufnahm, „weil die Sattlerin bekanntermaßen ein schönes Vermögen anhero bringt“, so der Eintrag im Gerichtsprotokoll vom 15. Januar 1779. In Pfullingen bewohnte die stetig wachsende Familie (drei Söhne, drei Töchter) den sogenannten Wickenhof, das spätere Gebäude Badstraße 7, das Mitte der 1980er Jahre abgebrochen wurde.

Zwei Söhne Muffs sollten wiederum Chirurg werden. Von ihnen ist besonders Karl Philipp Muff (1783 – 1853) zu erwähnen. Er gehörte zu den Rückkehrern von Napoleons gescheitertem Russlandfeldzug und hat seine Erinnerungen daran in einem ausführlichen, ebenfalls im Stadtarchiv (als Kopie) vorhandenen Bericht festgehalten, der ebenso wie das Stammbuch ein Beispiel früher privater Überlieferung im Pfullinger Stadtarchiv darstellt.