Konzert Auguren im Pappelgarten

Die Schreie und Töne der singenden Cellistin Anni Elif Egecioglu stießen manchmal dermaßen heftig aneinander dass Auge, Ohr und Hirn den Überblick verloren. Foto: Jürgen Spieß
Die Schreie und Töne der singenden Cellistin Anni Elif Egecioglu stießen manchmal dermaßen heftig aneinander dass Auge, Ohr und Hirn den Überblick verloren. Foto: Jürgen Spieß © Foto: Foto: Jürgen Spieß
JÜRGEN SPIESS 09.12.2016

Ein munteres Kreuz­über und weltumspannendes musikalisches Nebeneinander konnten die Besucher am Sonntagabend im Pappelgarten erleben: Die fünf Musiker des international besetzten Augur Ensembles ließen dabei ihrer Experimentierlust freien Lauf.

Dieses Ensemble mit norwegischen, schwedischen und Schweizer Musikern lieferte ein Konzert ab, dass sich weit über die konventionelle Kunst hinauswagt. Da wird nicht Jazz in herkömmlicher Weise gemacht, sondern mit Harmonien jongliert, die zwischen Trompete, Cello, Piano, Kontrabass und Drums hin- und herfliegen, sich drehen und changieren. Eng geknüpfte, dichte Teppiche aus Tönen, hier gezupft, da gestrichen, dort als leises Solo hinterlegt. Versetzte Läufe, die sich ineinander drehen wie Papierschlangen am Ende eines Faschingsumzugs, Wirbel erzeugen und akustische Windhosen. Minimale Muster, die in der Schichtung dreidimensional und lebendig werden.

Neben dem norwegischen Trompeter Eirik Dorsdal, der singenden Cellistin Anni Elif Egecioglu aus Schweden und ihrem Landsmann Jon Fält an den Drums wirken noch die beiden Schweizer Fabian M. Mueller  (Piano) und Kaspar von Grünigen (Kontrabass) mit. Sie alle geben sich als pointierte Taktgeber, die die verzahnten Neue-Musik-Klänge in kleine Skizzen unterteilen, zusammenbinden und vorantreiben. Die rothaarige Anni Elif Egecioglu, die Stimme ohne Mikrofon, besetzt die emotionale Rolle in dieser unkonventionellen Truppe: Bei ihren ausgefallenen Vokalübungen stoßen Schreie und Töne manchmal so heftig aneinander, dass Auge, Ohr und Hirn jeden Versuch aufgeben müssen, den Überblick zu behalten.

Ohne jedes Getöse und mit handwerklicher Brillanz führt das hochkonzentrierte Quintett ein ebensolches Publikum in ein dichtes Labyrinth von experimentellen Klangflächen. Hier fußt alles in einem Jazz moderner Auffassung, die Ausflüge in Neue-Musik-Gefilde entwickeln sich nahtlos, und die Soli sprengen nicht nur vorgegebene Muster, sondern spielen virtuos mit ihnen. Die Fünf schaffen mit ihrem Mix eine Synthese jenseits aller Seelenschmeichlerei.  Gleichzeitig geraten die Gesangsattacken der Schwedin Egecioglu zum rituellen Skandieren, und die Musik legt sich mit alles vereinnehmender Kraft über das Publikum.

Differenzierte Grooves, knappe Kürzel, freie Improvisation, Neue und Minimalmusik treffen in schnellem Wechsel aufeinander. Dies alles formen die Musik-Anarchisten zu einem spannenden, doch nicht einfach zu verdauenden Personalsound. Das Quintett überzeugt ebenso durch sicheres Zusammenspiel wie durch solistisches Einfühlungsvermögen. Verspielte Visionäre sind das, die nichts dem Zufall überlassen. In den zwei recht kurzen Sets entlocken die Musiker ihren Instrumenten die aberwitzigsten Rhythmusmuster und Geräusche. Zum größten Erstaunen der Zuschauerschar, von denen niemand vorzeitig diesen schrägen Gig verlässt.

Kein Zweifel, das Augur Ensemble lässt im Pappelgarten eindrucksvolle Bilder entstehen, die live voll zur Geltung kommen. Dabei war dieses Konzert nur die Probe aufs Exempel, denn tags darauf wurden die gespielten Stücke in den Ludwigsburger Bauer Studios auf ein Album gepresst.
Jürgen Spieß