Reutlingen Auftakt zum Orgelsommer

Reutlingen / MANFRED FRISCHKNECHT 26.07.2016
Weltmusik-Festival,  Classic Open Air – und dann noch der Orgelsommer: Matthias Giesen, Kantor in der Bruckner-Kirche St. Florian, eröffnete die Reihe.

Als Interpret des Auftakts konnte Matthias Giesen gewonnen werden, der künstlerische Leiter des Festivals Bruckner-Tage St. Florian in Linz (Oberösterreich). Sein Programm umfasste vier bedeutende Orgelwerke aus Barock, Klassik, Romantik und Moderne.

Den Anfang bildeten die sieben Verse des Hymnus Christe von Samuel Scheidt, einem der bedeutendsten Orgelmeister seiner Epoche, der in Halle wirkte und Vorbild der norddeutschen Orgelmeister wie Buxtehude, Böhm und Schein war.

Der erste Vers begann in moderatem Tempo mit einer einstimmigen Melodie in Viertelnoten, die sofort fugenartig verarbeitet wurde, während der zweite Vers in Kontrast zum ersten Thema steht und völlig anders registriert ist. Blechbläserklänge, sprudelnde Tempi, ein cantus firmus in den Pedalen, über dem sich ein wogender Wald erhebt: So klangen die übrigen Verse bei Giesen.

Dann folgte eine Fantasie f-Moll von Mozart, die er auf einer Reise nach Mannheim – wahrscheinlich gar nicht als Orgelwerk gedacht – geschrieben hat: beginnend mit kraftvollen Akkorden, zunächst bei Giesen in dunklem Habitus daherkommend. Dann bezaubert eine friedlich liebenswürdige Melodie, in der wieder und wieder schelmische Einsprengsel ganz nach mozartscherArt aufleuchten, am Schluss viele Triller, bevor das erste Thema wiederholt wird.

Der französischen Orgelsymphonik, zu deren wichtigsten Komponisten César Franck und Charles Widor gehören, war das dritte Werk gewidmet. Und zwar spielte Matthias Giesen mit großer Sorgfalt und friedensstiftender Ruhe  Francks „Fantaisie“ C-Dur. Da vernahm man Orgelglanz, kantabel in der Bassstimme, und Giesen inszenierte dieses Stück, als gälte es,  in   die Weite der Musikmeere hinauszufahren, unterbrochen durch eingeworfene Akkorde. Ein Crescendo-Ton, der weiterführt, Posaunenklänge, aufsteigende Wolkenfetzen – und  dann wieder das Anffangsthema, als käme man von der Fahrt heimwärts wieder zurück.

Und dann Messiaen. Umstellung des Gehörs. Dissonanzen, nix mehr Romantik. Die Musik von Olivier Messiaen dürfte manchen Zuhörern aus der Region nicht völlig unbekannt sein, denkt man nur an die Interpretationen durch den Organisten Horst Allgaier, der seit vielen Jahren an der Stiftskirche Tübingen immer wieder Messiaen aufführte. Wie viele Werke der modernen Kunst sind auch Messiaens Kompositionen vielfach auslegbar.

Giesen spielt mit diesen Assoziationen:  Klangteppiche in „La langue du feu“ imaginieren einen brennenden Baumstamm. Dunkles Gewölk in tiefsten Forte-Tönen, die ein überdimensioniertes Gewitter vermuten lassen. Feinste Pinselstriche, gezeichnet von leicht hingeworfenen  staccato-Tönen, aber auch sphärische Klangwunder.

Auch Messiaen, als Meister der Vogelstimmen, klingt durch – der Komponist transskribierte über 700 Vogelstimmen. Dann brauste der Wind des Geistes (Le vent de l`esprit) durch das Kirchenschiff. Virtuos gespielt von Matthias Giesen, aber nicht nur bombastisch, sondern mit vielen fein geschliffenen Nuancen in Tempo und Anschlag. Ein Zuhörer verlangte nach dem langen Beifall noch einen „Bach“, und dieser Wunsch wurde gerne erfüllt.

Nächstes Konzert: Donnerstag, 28. Juli, 11 Uhr, Marienkirche Reutlingen, Familienkonzert „Jakob und Esau“.

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