Reutlingen Auf Händen und Knien auf den Everest

"Berg-Titan" Reinhold Messner brachte in der Listhalle seine Geschichten ideenreich unter das Volk. Foto: Jan Zawadil
"Berg-Titan" Reinhold Messner brachte in der Listhalle seine Geschichten ideenreich unter das Volk. Foto: Jan Zawadil
JAN ZAWADIL 27.03.2012
Es mutete an wie der Auftritt eines Gurus. Doch auf eine gewisse Art scheint das Reinhold Messner für viele sogar zu sein. Denn als er am Sonntag zum Vortrag in die Listhalle gerufen hatte, strömten die Massen.

Ein Autogramm in eines der zahlreichen Werke des Meisters, ein Foto mit ihm fürs heimische Album und am liebsten noch ein Händedruck - Reinhold Messner ist für viele seiner Fans scheinbar zum Guru geworden. Denn wer sich intensiv mit dessen Leben und Taten beschäftigt hat, geht auf den Bezwinger aller Achttausender scheinbar so ehrfurchtsvoll wie auf den Papst zu.

Nicht anders war das am Sonntagnachmittag in der Listhalle. Weit mehr als 900 Besucher waren nämlich schon früh in die Listhalle gekommen, um ein Plätzchen mit guter Sicht auf die Bühne zu ergattern - und das schon deshalb, um vielleicht ein Portiönchen mehr von der Aura des Bergsteigers zu erhaschen.

Messner zehrt dabei unverhohlen von seinen längst zurückliegenden großen Abenteuern, eben von der Besteigung des Mount Everests oder der Durchquerung der Antarktis. Wenn er allerdings mit dem für ihn typisch rollenden "R" von seinem Experiment erzählt, das Dach der Welt ohne Sauerstoffgerät zu erklimmen, löst das nach Jahren immer noch mehr Ehrfurcht als Unverständnis aus.

"Auf Händen und Knien", erzählte Messner, habe er damals den Gipfel des Everests erreicht. Habe doch der Sauerstoffmangel dazu geführt, dass der menschliche Motor ins Stottern geraten sei und die mentalen Kräfte schlicht aufs Überleben reduziert gewesen seien. Er und sein Begleiter seien nach dem Erreichen des Gipfels dennoch umgehend und fluchtartig wieder abgestiegen. Sie wollten der lebensfeindlichen Umgebung schnellstmöglich entkommen. Ein Jubeln angesichts der überstandenen Strapazen habe es deshalb nicht gegeben.

Während Messner erklärte, dass eine Besteigung des höchsten Bergs der Welt längst im Reisebüro gebucht werden könne, hierfür aber zwischen 30 000 und 35 000 Dollar investiert werden müssten, habe sich die Situation dennoch grundlegend geändert. Denn zwischenzeitlich würden Pfade und Brücken in Richtung Gipfel führen und Küchen am Wegesrand für eine warme Suppe sorgen.

Genauso ideenreich wie mancher Scherpa bringt Messner seine Geschichten unters Volk. Mit meditativer Musik und computeranimierten Bergüberflügen lässt er seine Fans von den großen Abenteuern, die dieser Planet zu bieten hat, träumen und lässt sie an der Geschichte des Bergsteigens teilhaben. Sei doch eine Besteigung derartiger Höhen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts noch gar nicht möglich gewesen, und das schon deshalb, weil allein die Sauerstoffflaschen 15 Kilo gewogen und auch die Seile den Anforderungen nicht Stand gehalten hätten.

Derart in die Abenteuerwelt hineingezogen, ließen es sich viele nicht nehmen, sich auch in der Pause eine persönliche Widmung in eines der Messner-Werke schreiben zu lassen. Denn wer weiß, ob und wann die Legende wieder nach Reutlingen kommt?