Festival Auf Du-und Du mit dem 80-Millionen-Mann

„Reutlingen ist schön, Spätzle find’ ich super“: Max Giesinger, Fernseh-Juror und Sänger der EM-Hymne „80 Millionen“, beim Gastspiel an der Kreuzeiche. Gut 150 Konzerte gibt er im Jahr.
„Reutlingen ist schön, Spätzle find’ ich super“: Max Giesinger, Fernseh-Juror und Sänger der EM-Hymne „80 Millionen“, beim Gastspiel an der Kreuzeiche. Gut 150 Konzerte gibt er im Jahr. © Foto: Christina Hölz
Christina Hölz 05.06.2018

Das Bad in der Menge nimmt der Pop-Star gleich in Minute zehn. Max Giesinger taucht ab in die vorderen Reihen, grinst für Selfies in zig Girlie-Smartphones, witzelt über seine eigene Körpergröße: „Achtung, ich bin so klein.“ Spätestens da ist klar: Der Mann, der seit seinem „EM-Hit „80 Millionen“ zu den bekanntesten Pop-Poeten des Landes zählt, gibt auf der Bühne den netten Jungen von nebenan.

Nahbar, kumpelhaft, locker plaudernd. Vor seinem Auftritt zum Abschluss des Reutlinger Sommer-Open-Airs sei er mit seinem Bandkollegen im Freibad am Markwasen gewesen, erzählt der 30-Jährige. „Bisschen am Pool abhängen, Fußballgespräche mit den Kids führen. Ihr spielt doch auch dritte Liga?“, fachsimpelt der gebürtige Karlsruher. Nach dem Sonnenbad steht der Wuschelkopf mit Sieben-Tage-Bart auf der Bühne, als Topact im Kreuzeiche-Stadion, und lässt sich feiern. 80 Millionen sind’s zwar nicht, die dem Sänger zujubeln, aber immerhin knapp Dreieinhalbtausend. Alles dabei, viele Frauen, zahllose Teenies, auch Eltern mit Kindern.

Wen wundert’s, schließlich ist Giesinger seit Anfang des Jahres Juror in der Casting-Show „The Voice Kids“. Er bedient alle Altersklassen, weshalb seine Kritiker gerne mal den Begriff Mainstream bemühen. Mainstream-Werdegang (Viertplatzierter in einer TV-Casting-Show, gecoacht von Xavier Naidoo, Karrieretief, dann Mega-Neustart) und Mainstream-Pop mit eingängigen Refrains, allzu gefälligen Melodien und popcornsüßen Sätzen. Zum Beispiel: „Wenn wir uns begegnen, dann leuchten wir auf wie Kometen.“

In der Tat, die Lieder, die Max Giesinger in Reutlingen anstimmt – die meisten stammen aus seinem Erfolgsalbum „Der Junge, der rennt“ – liegen ganz auf der Tonspur der aktuellen deutschen Singer-Songwriter-Generation. Nummern wie „Roulette“ und „Mein Herz liegt auf Eis“ kokettieren mit schmissig-emotionalen Rhythmen und finalen Klangbrücken. Und sie kreisen inhaltlich um ein und dasselbe Thema: Die Suche nach der Einen, die allzu heftige Abfuhr, der Rausch des Verliebtseins – überhaupt die Sinnsuche im Leben eines Endzwanzigers.

Ein bisschen hören wir sie da ja alle singen, die Andreas Bouranis, Mark Fosters, Tim Bendzkos. Kurz, die Vertreter der Abteilung Wohlfühl-Pop mit Schmusefaktor. Aber für Max Giesinger gilt wie für viele seiner Branchenkollegen: Der Mann spielt musikalisch durchaus in der Bundesliga. Das betrifft zum einen die Stimme des Wahl-Hamburgers, denn deren Klangfarben kann Giesinger wunderbar ausspielen. Und zum anderen gilt das für das technisch-instrumentale Know-how des ehemaligen Straßenmusikers und seiner Band: Zwischen den Mitsing-Strophen hallen immer wieder fette Beats und bratzende Gitarren in die laue Sommernacht.

Auch textlich blitzt bei dem 30-jährigen Badener ein Hauch von Sozialkritik auf. Jedenfalls in seinem Hit „Wenn sie tanzt“, den er für seine ehemals alleinerziehende Mutter geschrieben hat. Nach Reutlingen ist sie ihrem Sohn übrigens hinterher gereist – und der widmet ihr auch auf dem neuen Album wieder einen Song: „Mama, der ist für Dich“, grüsst der Sänger in Jeans und weißem T-Shirt ins Publikum.

Der Höhepunkt? Natürlich der Mega-Hit „80 Millionen“. Die Europameisterschafts-Hymne aus dem Jahr 2016, die den smarten Brünetten zum Star gemacht hat. Bevor die Nummer in Endlos-Schleife erklingt, explodiert vor der Bühne eine Lametta-Bombe. Dann holt Max Giesinger drei Kinder auf die Bühne („Ich bin der Max, wer bist Du?“) und stimmt mit ihnen den Refrains seines Liedes an. Immer wieder. Eilig hat es der Pop-Poet nicht („was geht noch in Reutlingen, gibt es hier noch eine Großraum-Disco?“), er legt gerne etliche Zugaben nach.

Zuletzt covert die Band den Song „Wouldn’t it be good“ des britischen Sängers Nik Kershaw. Gute-Laune-Pop gab es auch schon im Jahr 1984. Damals waren viele von Max Giesingers Fans noch gar nicht geboren.

Reutlinger Sommer-Open-Air: „Neuauflage wäre wünschenswert“ 

Knapp 9000 Zuhörer an drei Tagen: Die Veranstalter des ersten Reutlinger Sommer-Open-Airs im Kreuzeiche-Stadion haben eine positive Bilanz des Freiluft-Festivals gezogen. „Der Versuch ist gelungen. Wir könnten uns vorstellen, das Open Air im kommenden Jahr zu wiederholen“, sagte Stefan Buck, Geschäftsführer der Agentur SBE-Entertainment, am Rande des Abschlusskonzerts mit Max Giesinger am Sonntag.

Vorab müssten allerdings Gespräche mit der Stadt Reutlingen geführt werden. Die Stadt hatte den Veranstaltern das Stadion gegen Miete überlassen und „die ganze Sache tatkräftig unterstützt“, so Buck weiter.

Die Resonanz auf die drei Abende habe aber gezeigt, dass Reutlingen ein solches Festival vertragen könne. Die meisten Besucher (gut 4000) hatten am Freitag die Shantyrocker von Santiano ins Stadion gelockt. 1500 Zuhörer kamen am Samstag zur Rebell-Comedy und weitere 3300 wollten am Sonntag Max Giesinger hören. ch