Reutlingen Auf der Terrasse eines Lokals

"Acapulco" - ein Holzschnitt der 33-jährigen Künstlerin Gabriela Jolowicz aus dem Jahr 2009. Foto: pr
"Acapulco" - ein Holzschnitt der 33-jährigen Künstlerin Gabriela Jolowicz aus dem Jahr 2009. Foto: pr
Reutlingen / HERBERT EICHHORN 16.03.2012
Ein Lokal, man trinkt, spricht, checkt die Handy-Nachrichten. Der Holzschnitt "Acapulco" von Gabriela Jolowicz zeigt eine typische Großstadtszene. Das Spendhaus hat die Graphik nun zum Bild des Monats gekürt.

Der Holzschnitt "Acapulco" von Gabriela Jolowicz zeigt vier junge Leute - drei Frauen und einen Mann - , die auf der Terrasse eines Lokals um einen Tisch sitzen. Man trinkt, es wird gestenreich diskutiert, der junge Mann überprüft die Eingänge auf seinem Mobiltelefon. Solche Szenen aus dem Leben junger Großstädter sind typisch für eine Werkgruppe, die die 1978 geborene Künstlerin in den jüngsten Jahren schuf.

In anderen Blättern der Serie wird Musik gehört oder getanzt. In zwei Stillleben erscheinen mit Laptop und i-Pod die typischen Kommunikationsmittel der jungen Generation. Ähnliche Motive werden täglich sicher millionenfach mit dem Fotohandy dokumentiert und im Internet verbreitet. Gabriela Jolowicz hält diese flüchtigen Szenen aus dem modernen Alltagsleben nun aber erstaunlicherweise in einem der ältesten und traditionsreichsten Bildmedien überhaupt fest: im Holzschnitt.

Motive und Beschränkung auf das reine Schwarzweiß erinnern zunächst an populäre zeitgenössische Medien wie etwa Comic oder Graphic Novel. Darüber hinaus verweist das Blatt aber auch auf die Geschichte des Mediums Holzschnitt.

Die vier Personen im Zentrum der Darstellung und ihre Körperformen werden eher summarisch geschildert, die beiden in einer Hollywood-Schaukel sitzenden hinteren Figuren nur als dunkle Schemen mit knapper Binnenzeichnung. Auf eine topografische Wiedererkennbarkeit oder auch nur auf eine korrekte Wiedergabe von räumlichen Bezügen und Größenverhältnissen wird kein Wert gelegt. Die Szenerie erscheint vielmehr wie eine Art Guckkastenbühne. Diese Merkmale lassen an Vorbilder aus der Geschichte der Druckgrafik denken.

Besonders auffallend an unserem Blatt ist, wie dicht die ganze Bildfläche gefüllt ist. Von einem wahren Horror Vacui und einer Lust am Aufbrechen der Oberfläche des Holzes angetrieben, hat die Künstlerin den Druckstock bis an die Ränder intensiv bearbeitet. Das Nebeneinander unterschiedlichster Strukturen, das sich so ergibt, wirkt fast wie eine Art Musterbuch für verschiedene Schnitttechniken. Teilweise scheinen sich diese Strukturen über ihre bloße Abbildungsfunktion hinaus zu verselbstständigen. Sie können zum Teil als autonomes abstraktes grafisches Muster gelesen werden. An anderer Stelle, wie etwa beim Fußboden der Terrasse, suggerieren sie irritierende Dreidimensionalität.

Die Holzschneiderin, die in London gelebt hat und heute in Berlin lebt, studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Die Hochschule erlangte in den jüngsten Jahren vor allem durch einige auch international erfolgreiche Maler wie etwa Neo Rauch Berühmtheit. Daneben etablierte sich allerdings auch eine "Neue Leipziger Schule" der Druckgrafik. Im Umfeld der Hochschule formierte sich auch der Leipziger Lubok Verlag, der seit 2007 kostengünstige Bücher mit Grafik von jungen Künstlern herausgibt, zu denen auch Gabriela Jolowicz zählt.

Schon der Name des Verlags steht programmatisch für eine kreative Offenheit gerade auch für historische Formen und Funktionen der Grafik. Lubki sind volkstümliche Bilderbögen, die in Russland auf Jahrmärkten verkauft wurden. Auch die auf den ersten Blick gegenwärtig erscheinenden Arbeiten von Gabriela Jolowicz haben diese Offenheit und nehmen bewusst Bezug auf die Geschichte druckgrafischer Medien.

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