Reutlingen Auf der Suche nach dem Menschen

Die wissenschaftliche Volontärin im Reutlinger Spendhaus, Maren Keß-Hälbig, vor Victors druckgrafischer Reihe „O Firenze“.
Die wissenschaftliche Volontärin im Reutlinger Spendhaus, Maren Keß-Hälbig, vor Victors druckgrafischer Reihe „O Firenze“. © Foto: Nicole Wieden
Reutlingen / Nicole Wieden 06.08.2018

Betrachtet man das Spätwerk Winand Victors, so schleicht sich ein eigentümliches Gefühl der Distanziertheit und der Isolation in das Gemüt. Die „Verabschiedung“ etwa zeigt im blau-schwarzen Kosmos die zarten, leuchtenden Umrisse eines Planeten. Darüber scheint sich ein weiterer zu befinden. Dunkel jedoch, von grober Struktur und ohne Leben. Der Mensch und sein Treiben wirken klein und fern in diesem Bild. In seinen frühen Arbeiten dagegen betrachtet Victor den Menschen aus der Nähe. Geprägt von den Eindrücken der Nachkriegszeit wiederholt sich das Motiv des Pan, des Spielmanns, der bei Victor jedoch als Kriegsversehrter heimkehrt und doch nicht mehr heimisch wird.

Im Spannungsfeld zwischen Malerei, die den Menschen aus nächster Nähe betrachtet und jener, die ihn nur noch aus der Ferne erkennen lässt, bewegte sich der gebürtige Niederländer Zeit seines Lebens. Am 13. Januar dieses Jahres wäre der 2014 verstorbene Künstler, der sich 1949 dauerhaft in Reutlingen niederließ, 100 Jahre alt geworden.

Die wissenschaftliche Volontärin Maren Keß-Hälbig hat aus diesem Anlass unter dem Titel „Spuren und Funde“ für das Reutlinger Kunstmuseum eine Ausstellung kuratiert, die auf drei Etagen durch Winand Victors künstlerische Entwicklung führt. Im Spendhaus können sich die Besucher noch bis zum 7. Oktober mit seinen Schaffensphasen vertraut machen.

Ein Lebenswerk auf drei Etagen

Die Reise durch Victors Lebenswerk beginnt im Erdgeschoss mit seinen letzten Arbeiten. Also mit jenen Bildern, die im Gedächtnis der Reutlinger noch besonders eindrücklich wirken: So steuert der Besucher durch den Eingang direkt auf das 1996 geschaffenen „Triptychon“ zu – und damit auf ein Werk, in dem sich charakteristische Elemente seines Schaffens vereinen. In kubistischen Formen zeigen die Seitenflügel in kaltem Blau die kantigen Silhouetten und Schatten anonymer Städter. In der Mitte dagegen befindet sich ein grobes Leinentuch mit einem schmalen, scharfen Riss. Während der Mittelteil die Verletzlichkeit und das mit Makel behaftete Innere zeigt, wirkt das glatte bläuliche Bild auf den Seitenteilen nahezu gläsern.

Im Gegensatz zu den entrückten Bildern im Erdgeschoss zeigt das Frühwerk in der dritten Etage den Menschen aus der Nähe. Gerade hier lässt sich erkennen, wie Victor seine charakteristischen Motive und Themen bereits in seiner ersten Schaffensphase entwickelt hat. Während er in den 1950ern zunächst noch figürlich malt, deutet sich in den Hintergründen der Ölportraits bereits eine Auflösung hin zur Abstraktion an. Diese geht einher mit einem zunehmend experimentellen Einsatz der Farbe in dicken Schichten.

Das Hauptwerk Winand Victors ist auf der mittleren Etage zu sehen. Hier begegnen sich Abstraktion und Gegenständlichkeit sowie die unterschiedliche Materialien und Techniken häufig im selben Bild: In der Werkreihe „Genesis“ aus den 60er-Jahren etwa ist schon hier der Kosmos abgebildet. Auf den ersten Blick völlig abstrakt, leuchtet in der Ferne jedoch einsam eine Stadt. Durch sie hindurch streift ein Komet und zieht weiter über den dunklen Himmel.

Eben dieses Motiv findet sich auch in den sechs großformatigen Radierungen des nachfolgenden Projekts „Spuren und Funde“: Die Druckgrafiken bilden einen Höhepunkt im Schaffen Victors und gleichzeitig den Abschluss der Genesis-Reihe: „Auffällig ist, dass Winand Victor an besonderen Momenten in seinem Leben sich verstärkt der Druckgrafik gewidmet hat“, erklärt Keß-Hälbig. „Daher kommt ihnen in seinem Werk und in der Ausstellung eine Schlüsselrolle zu.“

7

Bis zum 7. Oktober wird das Lebenswerk von Winand Victor im städtischen Kunstmuseum zu sehen sein. Die Schau setzt sich aus eigenem Bestand und  Leihgaben zusammen.

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