Reutlingen Auf der Suche nach dem Menschen

Die wissenschaftliche Volontärin im Spendhaus, Maren Keß-Hälbig, vor Victors druckgrafischer Reihe „O Firenze“.
Die wissenschaftliche Volontärin im Spendhaus, Maren Keß-Hälbig, vor Victors druckgrafischer Reihe „O Firenze“. © Foto: Nicole Wieden
Reutlingen / Nicole Wieden 01.08.2018

Betrachtet man das Spätwerk Winand Victors, so schleicht sich ein eigentümliches Gefühl der Distanziertheit und der Isolation in das Gemüt. Die „Verabschiedung“ etwa zeigt im blau-schwarzen Kosmos die zarten, leuchtenden Umrisse eines Planeten. Darüber scheint sich ein weiterer zu befinden. Dunkel jedoch, von grober Struktur und ohne Leben. Der Mensch und sein Treiben wirken klein und fern in diesem Bild. In seinen frühen Arbeiten dagegen betrachtet Victor den Menschen aus der Nähe. Geprägt von den Eindrücken der Nachkriegszeit wiederholt sich das Motiv des Pan, des Spielmanns, der bei Victor jedoch als Kriegsversehrter heimkehrt und doch nicht mehr heimisch wird.

Im Spannungsfeld zwischen Malerei, die den Menschen aus nächster Nähe betrachtet und jener, die ihn nur noch aus der Ferne erkennen lässt, bewegte sich gebürtige Niederländer Zeit seines Lebens. Am 13. Januar dieses Jahres wäre der 2014 verstorbene Künstler, der sich 1949 dauerhaft in Reutlingen niederließ, hundert Jahre alt geworden. Die wissenschaftliche Volontärin Maren-Keß-Hälbig hat aus diesem Anlass unter dem Titel „Spuren und Funde“ für das Reutlinger Kunstmuseum eine Ausstellung kuratiert, die auf drei Etagen durch Winand Victors künstlerische Entwicklung führt. Im Spendhaus können sich die Besucher noch bis zum 7. Oktober mit seinen unterschiedlichen Schaffensphasen vertraut machen.

Ein Lebenswerk auf drei Etagen

Die Reise durch Victors Lebenswerk beginnt im Erdgeschoss mit seinen letzten Arbeiten. Also mit jenen Bildern, die im Gedächtnis der Reutlinger noch besonders eindrücklich wirken: So steuert der Besucher durch den Eingang direkt auf das 1996 geschaffenen „Triptychon“ zu – und damit auf ein Werk, in dem sich charakteristische Elemente seines Schaffens vereinen. In kubistischen Formen zeigen die Seitenflügel in kaltem Blau die kantigen Silhouetten und Schatten anonymer Städter. In der Mitte dagegen befindet sich ein grobes Leinentuch mit einem schmalen, scharfen Riss. Während der Mittelteil die Verletzlichkeit und das mit Makel behaftete Innere zeigt, wirkt das glatte bläuliche Bild auf den Seitenteilen nahezu gläsern.

Wie auch in den anderen Werken im Erdgeschoss blickt der Besucher im Tryptichon aus der Ferne auf die Abgebildeten. Auf dem Bild „Straßendemo“ (1989) etwa ist die Masse aus der Vogelperspektive nur noch als gewaltige Ansammlung von Stecknadelköpfen zu erkennen. In seinen kosmischen Werken aus den 2000er Jahren schließlich verliert sich der Mensch gänzlich. Stille, Isolation und bewusste Distanz durchziehen sich durch Winand Victors Spätwerk.

An diesem vertrauten Bild von Victors Arbeit setzt Maren Keß-Hälbig an. Sie führt den Betrachter das Spendhaus hinauf – und im Leben des Künstlers gleichzeitig rückwärts zum Ursprung: Im Gegensatz zu den entrückten Bildern im Erdgeschoss zeigt das Frühwerk in der dritten Etage den Menschen aus der Nähe. Gerade hier lässt sich erkennen, wie Victor seine charakteristischen Motive und Themen bereits in seiner ersten Schaffensphase entwickelt hat. Während er in den 1950ern zunächst noch figürlich malt, deutet sich in den Hintergründen der Ölportraits bereits eine Auflösung hin zur Abstraktion an. Diese geht einher mit einem zunehmend experimentellen Einsatz der Farbe in dicken Schichten. Die starke Strukturierung der Oberfläche und später auch die Kombination mit unterschiedlichen Materialien, beispielsweise Sand, münden nach und nach in die Materialbilder.

Das Hauptwerk Winand Victors ist auf der mittleren Etage zu sehen. Hier begegnen sich Abstraktion und Gegenständlichkeit sowie die unterschiedliche Materialien und Techniken häufig im selben Bild: In der Werkreihe „Genesis“ aus den 60er Jahren etwa ist schon hier der Kosmos abgebildet. Auf den ersten Blick völlig abstrakt, leuchtet in der Ferne jedoch einsam eine Stadt. Durch sie hindurch streift ein Komet und zieht weiter über den dunklen Himmel. Eben dieses Motiv findet sich auch in den sechs großformatigen Radierungen des nachfolgenden Projekts „Spuren und Funde“: Die Druckgrafiken bilden einen Höhepunkt im Schaffen Victors und gleichzeitig den Abschluss der Genesis-Reihe: „Auffällig ist grundsätzlich, dass Winand Victor an besonderen Momenten in seinem Leben sich verstärkt der Druckgrafik gewidmet hat“, erklärt Keß-Hälbig. „Daher kommt ihnen in seinem Werk und in der Ausstellung eine Schlüsselrolle zu.“

7

Bis zum 7. Oktober wird das Lebenswerk von Winand Victor im städtischen Kunstmuseum zu sehen sein. Die Schau setzt sich aus eigenem Bestand und  Leihgaben zusammen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel