Es gibt eine singende Frau mit besonders kräftiger Stimme und eine mit einem Kinderwagen, außerdem einen Mann, der an einem Stock geht und wohl große Schmerzen in den Füßen hat, und eine etwas ältere Frau, die immer nur auf dem Boden sitzt und traurig aufblickt. Wer regelmäßig durch die Fußgängerzone Reutlingens oder auch Tübingens geht, der kennt viele von ihnen schon: Bettler, die immer da sind und wie es scheint kaum ein Wort Deutsch sprechen. Sie halten den Passanten nur die Hand oder den Kaffeebecher hin. Sind sie aus Rumänien? Oder aus Bulgarien? Und in Banden organisiert? Ist Betteln eigentlich überhaupt erlaubt?

Betteln ist generell nicht verboten

Reutlingens Ordnungsamtsleiter Albert Keppler stellt klar, dass Betteln generell nicht verboten ist. Die Polizeiverordnung, die vom Gemeinderat legitimiert ist, gibt aber einige Regeln vor, an die sich Bettler halten müssen. „Betteln auf fremde Rechnung“ ist beispielsweise nicht erlaubt, sagt Keppler: Wenn also Hintermänner am Ende das meiste Geld kassieren, und nicht der Bettler selbst. „Uns ist bekannt, dass immer wieder Gruppen nach Reutlingen kommen“, sagt Keppler. „Die kommen aus Osteuropa, Schwerpunkt Rumänien.“ Erst vergangene Woche sei ihm wieder gemeldet worden, dass wohl neue Bettler in der Stadt sind, ein Paar mit einem Kinderwagen sei besonders aufgefallen. „Uns wurde vor einiger Zeit auch schon geschildert, wie die Bettler in größeren Gruppen angefahren wurden, und auch wie sie Geld an eine dritte Person übergeben haben.“

Ab wann agieren Bettler gewerbsmäßig? „Das ist sehr schwer nachzuweisen“, sagt Keppler. Die sechs Beamten des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) kontrollieren Ausweise, wenn sie eine Bande erahnen. „Dann kann man schnell feststellen: Kommen die alle aus der gleichen Gegend? Oder gehören sie zur selben Firma?“

Neben dem „gewerbsmäßigen Betteln“ ist auch aggressives Vorgehen und Bedrängen von Personen verboten, sagt Keppler. „Die Leute, die davon betroffen sind, die melden sich aber in der Regel auch selbst bei der Polizei.“ Auch Minderjährige dürften nicht zum Betteln angestiftet werden, zählt der Ordnungsamtsleiter weiter auf. Was passiert also, wenn der KOD Bettler ausfindig macht, die gegen die genannten Regeln verstoßen? „Diese bekommen dann einen Platzverweis“, sagt Keppler. „Aber der hält längstens bis zum nächsten Morgen.“

Straßenmusiker haben in Reutlingen eigentlich nur eine Regel zu beachten (insofern sie ebenfalls nicht gewerbsmäßig organisiert sind): „Sie müssen alle 20 Minuten den Standort wechseln“, sagt Keppler. Damit die dauerhafte Beschallung die Anwohner nicht nervt.

Rückgang in Tübingen

Ein Blick in die benachbarte Universitätsstadt Tübingen zeigt – zumindest am Bahnhof – in den vergangenen Tagen ein ähnliches Bild wie in Reutlingen. Einige von den Bettlern, die seit neustem in Reutlingen unterwegs sind, sieht man auch dort. Tübingens Ordnungsamtsleiter Rainer Kaltenmark hat dagegen auf Nachfrage noch keinen neuen Zulauf ausgemacht: Er sagt, dass die Bettelei „unserer Einschätzung nach zuletzt wieder abgenommen hat“.

Eine junge Frau, die immer wieder am Tübinger und wie auch am Reutlinger Bahnhof unterwegs ist und den Pendlern mit einem undeutlich gemurmelten „Bitte“ die Hand hin hält, sagt, dass sie aus Rumänien kommt. „Romania.“ Hilflos schüttelt sie den Kopf, als sie nach ihrem Aufenthaltsgrund gefragt wird. Mehr versteht sie nicht. „Wir dürfen bei diesem Thema auch die soziale Komponente nicht außer Acht lassen“, betont Reutlingens Ordnungsamtsleiter Keppler. „Die Menschen machen das ja nicht zum Spaß.“ Deshalb versuche der KOD immer mit einem gewissen Feingefühl vorzugehen.

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Reutlingen

Regelrechte Heerlager an den Bahngleisen


Vor ungefähr fünf Jahren habe man mit Bettelbanden aus Rumänien ein großes Problem gehabt, sagt Reutlingens Ordnungsamtsleiter Albert Keppler. Diese Personen hätten eine Zeit lang auf fast allen Bahngeländen übernachtet, „das waren regelrechte Heerlager unter den Brücken“ erinnert sich Keppler. „Zum Teil sind die Menschen bis auf wenige Meter an die Bahngleise nach Stuttgart heran“, sagt er weiter.

Irgendwann hätte die Bahn Bedenken geäußert: Zum einen wegen der Gefahr für die an den Gleisen lebenden Personen, unter denen auch Kinder waren. Zum anderen wegen der Gefahr, die für Fahrgäste entsteht, wenn beispielsweise Metallteile gestohlen werden und daraufhin ein Zug entgleist.

Polizei, Bahn und das Ordnungsamt hätten daraufhin zusammengearbeitet, sagt Keppler. Seitdem seien ihm keine derartigen Lager mehr bekannt. kam