Reutlingen Auf der Jagd nach Klebebändern

Steffen Schlichter mit einem seiner Werke aus der aktuellen Ausstellung „Mehrteilige Arbeiten“.
Steffen Schlichter mit einem seiner Werke aus der aktuellen Ausstellung „Mehrteilige Arbeiten“. © Foto: Jürgen Spieß
Von Jürgen Spieß 15.09.2018

Er arbeitet vorzugsweise mit Industriematerialen und Halbfertigprodukten wie Spanplatten und Klebebändern: Der Kirchheimer Künstler Steffen Schlichter zeigt nun in der Galerie Reinhold Maas eine Auswahl an ausschließlich „mehrteiligen Arbeiten“, so auch der Titel seiner Ausstellung.

Man braucht schon ein wenig Zeit,  um in den formal so lakonischen wie flüchtigen Arbeiten von  Steffen Schlichter so etwas wie komplexe Kunstsituationen zu erkennen. Denn bei dieser Ausstellung ist eigentlich fast nichts zu sehen, was man traditionellerweise mit Kunst assoziiert: Sie zeigt keine Kunstwerke im Sinne der klassischen Moderne, keine Zeichnungen, Gemälde oder Skulpturen, und auch analoge oder digitale Medienbilder wie Filmvideos, Fotografien und Computerbilder sind nicht zu sehen. Vielmehr treten an die Stelle des traditionellen Kunstwerks mehrteilige, aus Spanplatten und Klebebändern gefertigte Arbeiten, die Bestandteile der materiellen und  körperlichen Welt zeigen, die uns umgibt.

Rein technische Arbeitsweise

Der 1967 in Kircheim/Teck geborene Steffen Schlichter, der im Kunstseminar Metzingen und an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart insgesamt acht Jahre studiert hat und seit 1991 wieder als freier Künstler in Kirchheim lebt, möchte mit seinen Arbeiten „keinen bestimmten Eindruck vermitteln, sondern bestimmte Materialien miteinander in Beziehung setzen“. Er hat sich einer rein technischen Arbeitsweise verschrieben, indem er auf unbehandelte Spanplatten verschieden farbige Industriebänder aufklebt. Die Verzierungen und Anordnungen, die sich dabei herauskristallisieren, präsentieren sich als Muster, das im Prinzip nach allen Seiten bis hin ins Unendliche fortsetzbar ist: „Ich suche die Materialien nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten aus“, erläutert Steffen Schlichter seine Vorgehensweise, „Ich finde sie vor“.

So wie die Bodenarbeit im Zentrum der Galerie, bei der Reststücke von Spanplatten, die in der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart übrig geblieben sind von Schlichter in ein anderes System „fixiert“ wurden. Dieses Werk markiert auch den zeitlichen Rahmen der Ausstellung, denn es wurde vor exakt 20 Jahren bei seiner ersten Ausstellungsbeteiligung der Galerie Reinhold Maas ausgestellt. Bei dieser und den anderen mehrteiligen Arbeiten handelt es sich nicht um Abstraktionen oder Stilisierungen von konkreten Wahrnehmungen, sondern um Projektionen technisierter Muster, um Rastertopographien und Rasterreliefs, deren Unterschiedlichkeit erst bei näherem Betrachten ins Auge fällt. Schlichters Klebungsvarianten oder auch seine Doppelmarkierung am Fenster der Galerie machen im weitesten Sinn die Muster und Schwingungen sichtbar, die unser Maschinenzeitalter prägen.

Unterschiedlich farbige Klebebänder-Streifen – auf unbehandelte, quadratische Spanplatten geklebt – ergeben Geometrien, mathematisch anmutende Raster, die sich teilweise überlappen: „Die Spanplatten und Klebebänder werden nicht aus ästhetischen Gesichtspunkten ausgesucht“, erklärt Schlichter, „und auch die Arbeiten als Ganzes sind nicht in kompositorischer Absicht gefertigt“. Die Bänder werden ohne die Verwendung jeglicher Hilfsmittel von links nach rechts und von oben nach unten auf eine Spanplatte geklebt. Am liebsten arbeitet der Künstler mit Material, das er aus verschiedenen Ländern und Kontinenten bezieht. Die Bänder werden nicht behandelt und nur in der Länge gekürzt. Auch Druckfehler der Klebebänder sind kein Hinderungsgrund, um verwendet zu werden.

So ähnlich – abgesehen von der Farbgebung – die Bildsituationen von Weitem teilweise erscheinen, so unterschiedlich und nicht wiederholbar erweisen sie sich bei genauerer Betrachtung. Allein die farbigen Akzente beleben das Netz der auf die Spanplatten geklebten Streifen und Muster. Zuweilen entsteht bei längerem Hinsehen auch ein dreidimensionaler Effekt.

Die Ausstellung in der Galerie Maas

Steffen Schlichters „Mehrteilige Arbeiten“, sind noch bis 10. Oktober in der Galerie Reinhold Maas ausgestellt. Die Öffnungszeiten sind  Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr und Samstag von 11 bis 14 Uhr.

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