Schwörtag Auf den Ernst der Zeit hinweisen

Reutlingen / Von Ralph Bausinger 15.07.2018

Wir müssen dafür sorgen, dass wir in Deutschland künftig nicht Frohsinn ohne Demokratie haben“, mahnte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch gestern in ihrer Schwörtagsrede. Reutlingens Stadtoberhaupt kritisierte vehement am Beispiel der Asyldebatte der vergangenen Wochen den derzeit auch in der deutschen Politik vorherrschenden Stil. Zuvor hatte Bosch ein Zitat  des badischen Großherzogs Friedrich I. bemüht: „Bei Festen ist es Pflicht, auf den Ernst der Zeit hinzuweisen.“

Sie ging auch auf aktuelle Themen der Kommunalpolitik ein. Seit vergangenem Jahr habe die Stadt wichtige Themen angeschoben – darunter auch den Verkehr, der die Gemüter immer wieder errege: „Keiner steht gerne im Stau. Ich auch nicht.“ Hier badeten Städte wie Reutlingen aus, was ihnen die Autoindustrie mit der Manipulation der Abgaswerte eingebrockt habe. Die Achalmstadt versuche so gut wie möglich, die Stickstoffdioxidwerte abzusenken – auch um Fahrverbote zu vermeiden, von denen allein in Reutlingen rund 17 000 Dieselfahrzeuge betroffen wären. Was das bedeute, könne man demnächst in Stuttgart sehen, sagte sie und zitierte eine Aussage des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann: „Staus von Heilbronn bis Tübingen“.

Daneben bemühe sich die Stadt um Verbesserungen beim Radverkehr und beim ÖPNV. Das vom Gemeinderat beschlossene Stadtbusnetz (zehn neue Buslinien und über 100 neue Haltestellen) stelle den ÖPNV auf völlig neue Füße. „Eine solche Mobilitätswende vollzieht keine Stadt in der Region und darüber hinaus“, betonte die Oberbürgermeisterin. Der Bund habe zugesagt, Reutlinger Projekte mit 16,6 Millionen Euro zu fördern. Sie hoffe nun, dass „diese Gelder schnell und unbürokratisch fließen und unsere Projekte schon bald ihre Wirkung bei der Luftreinhaltung entfalten können“.

Auch beim Wohnungsbau sieht die Rathaus-Chefin die Stadt  auf einem guten Weg. Derzeit  werde an 25 Bebauungsplänen für rund 3000 Wohneinheiten gearbeitet. Allein die Reutlinger GWG wolle in den kommenden zehn Jahren 1400 neue Wohnungen errichten – übrigens drei Mal so viel wie ihr Tübinger Pendant.

Und auch der Wirtschaftsstandort Reutlingen könne sich sehen lassen. So läge der Zuwachs bei den Arbeitsplätzen seit Jahren höher als im Kreis oder der Nachbarschaft: Dies zeigten auch Ansiedlungen wie Holder oder Erima. Mit dem geplanten Industriepark 4.0 auf dem Betz-Areal stelle sich die Stadt den Herausforderungen der Zukunft.

Bosch sprach auch das Thema „Hotel im Bürgerpark“ an, das Wolfgang Scheidtweiler nach Plänen von Max Dudler bauen werde. Sie sei froh, dass man einen renommierten Investor gewinnen konnte, der mehrfach – auch in Reutlingen gezeigt –  habe, dass er sein Geschäft verstehe. „Ich finde es daher unverantwortlich und zum Schaden der Stadt, was an falschen Behauptungen und Vorwürfen in die Welt gesetzt worden ist, nicht nur von der politischen Seite, sondern auch von der Konkurrenz in der Hotellerie.“ Auch hier täte mehr Wahrheitsliebe der Sache gut.

Ein Thema durfte in der Rede nicht fehlen: die Stadtkreisgründung. Nach der Anhörung vor den beiden Regierungsfraktionen Ende Juni in Stuttgart erwarte die Stadt jetzt Taten. Reutlingen wolle endlich volle Souveränität und auch die für alle anderen Großstädten üblichen, höheren Finanzzuwendungen. Im Herbst soll dann die Entscheidung fallen. Am Freitagabend hatte Prof. Bernhard Pörksen das Schwörtagswochenende mit seinem Vortrag über die neue „Macht der Lüge. Desinformation im digitalen Zeitalter“ eröffnet. Aus Sicht des Medienwissenschaftlers muss der Umgang mit Informationen schon in der Schule gelernt werden. Gerade im Zeitalter der „sozialen Medien“ hänge die Existenz der Demokratie davon ab, dass der Bürger mündig mit  den Informationen umgehen könne.

Am Samstagabend war dann der Hof des List-Gymnasiums  gut besucht, als zuerst die Stadtkapelle aufspielte und dann die Stuttgarter Coverband „Abgroovebereit“ die Besucher zum Tanzen und Mitklatschen animierte. Und da auch der Mittelaltermarkt auf große Resonanz stieß, war das 14. Schwörtagsfest trotz des gestern um 14 Uhr einsetzenden heftigen Regens durchaus gelungen.

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