Das Bildungszentrum Nord ist mit knapp 1600 Schülern Reutlingens größter Schulstandort. Und er ist laut Gemeinderatsbeschluss einer von insgesamt vier Standorten, an denen eine Gemeinschaftschule eingerichtet werden soll, was dazu führt, dass bestehende Räumen umgebaut werden müssen.

Daher beauftragte die Stadtverwaltung die z.e.t. consult, ein Schadstoff-Sachverständigenbüro aus Renningen, zu untersuchen, ob es im Gebäude Werkrealschule/Realschule baurelevante Schadstoffe in der Luft und/oder im Material gibt. Die Untersuchung erstreckte sich im Detail auf die Konzentration von Asbest, Künstliche Mineralfasern (KMF), die ähnliche Eigenschaften wie Asbest besitzen, Polychlorierte Biphenyle (PCB), Holzschutzmittel und Formaldehyd in Raumluft und Materialien sowie auf Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und das Schwermetall Blei im Material. Zunächst konnte kein Asbest in der Raumluft nachgewiesen. Dass es Asbestfunde unter anderem in Türblatt-Aufbauten, als Dichtungskitt bei Glasscheiben, als Dichtungsgewebe an Türzargen oder auch an Brandschutzklappen gab, war für die Experten wenig überraschend.

Die böse Überraschung kam jedoch in den Pfingstferien Ende Juni: Bei der Sanierung der Lehrküche der Werkrealschule/Realschule wurden am Deckenabschluss beschädigte asbesthaltige Bauteile gefunden. "Wir mussten reagieren", sagte Peter Geier. Die Stadt fahre hier eine "Null-Toleranz-Strategie", betonte gestern der Leiter des Gebäudemanagements Reutlingen (GMR) bei einem Pressetermin vor Ort. So wurde an insgesamt 158 Stellen im Gebäudekomplex gemessen. Dabei wurden mehr als 500 Asbestfasern in der Raumluft der Lehrküche gefunden.

Um die Schadstoffe entfernen zu können, muss ein Raum, wie Dipl- Min Ingo Alberth vom Büro z.e.t. gestern erklärte, erst einmal abgeschottet werden. Anschließend werden die Decken- und Wandelemente demontiert. Danach wird alles mit einem Spezialstaubsauger für Asbest abgesaugt, und im Anschluss daran wird der Raum nass gereinigt. Zum Schluss wird nochmals gemessen. Inzwischen sind die Lehrküche und ein angrenzender Computerraum saniert, das asbesthaltige Material am Deckenrandabschluss wurde durch Gipskartonmaterial ersetzt.

Der Zugang zum verunreinigten Bereich erfolgt über eine Schleuse, die vier Kammern umfasst. Nach getaner Arbeit legen die Schadstoffbeseitiger nicht nur ihre Schutzanzüge, sie müssen mindestens drei Minuten duschen, um mögliche Schadstoffe loszuwerden.

Das vorläufige Sanierungskonzept sieht vor, dass in den Sommerferien zunächst die Fugen an Türen mit Asbest-Gewebestreifen durch Acrylmaterial abgedichtet werden. In den Jahren 2016 bis 2018 sollen dann - vorwiegend in den Ferien - die belasteteten 135 Türen im gesamten Altbau gewechselt werden. Im selben Zeitraum ist auch geplant, nach und nach alle Deckenrandstreifen und KMF-haltigen Unterdecken auszutauschen.

Wie teuer die Sanierung werden wird, ist noch offen. Wie Baubürgermeisterin Ulrike Hotz sagte, hatte die erste Grobkostenermittlung eine Summe von rund 2,5 Millionen Euro ergeben. Alle Risikobereiche seien angeschaut worden, sagte Hotz. So haben z.e.t.-Experten auch stichprobenartig Wände geöffnet. "Allerdings können wir nicht jedes Wandstück öffnen. Das zahlt uns niemand - auch nicht die Stadt Reutlingen", sagte Alberth.

Das BZN

Das Bildungszentrum Nord (BZN) wurde in den Jahren 1974 bis 1977 errichtet, 1982 kam der Erweiterungsbau dazu. Im vergangenen Schuljahr besuchten 1595 Schüler die drei Schularten - 923 Jungen und Mädchen gingen auf das Gymnasium, 465 frequentierten die Realschule und 207 die Werkrealschule. Ob für die Sanierungsarbeiten Schulklassen ausgelagert werden müssen, steht derzeit noch nicht fest.

RAB