Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.“ Mit diesem Fazit schloss Professor Thomas Bauernhansl seinen Vortrag beim 5. Unternehmerforum im Reutlinger Haus der Arbeitgebervertretung von Südwest-Metall. Angesprochen hatte der Leiter des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF) an der Universität Stuttgart sowie des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung mit dem chinesischen Sprichwort einen Prozess, der mit den ersten Computern begann und heute mit der Vernetzung von Dingen noch lange nicht zu Ende sei.

Auch wenn der Titel des Vortrags von Bauernhansl mit „Industrie 4.0 - Plattformbasierte Ökonomie und deren Auswirkungen auf die Unternehmensprozesse“ ziemlich sperrig klang – die Digitalisierung wird nach den Worten des Professors niemand aufhalten können. Es gelte stattdessen, den Wandel zu gestalten, dabei seien „die baden-württembergischen Firmen und Unternehmen bestens geeignet, um ihre Produkte digital zu veredeln“, so Bauernhansl. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen im Ländle seien viel flexibler als die großen Firmen, sie müssten die Chancen aber auch ergreifen und sich öffnen. „Denn die Veränderungen können die mittelständischen Betriebe nicht allein gestalten.“ Und die Konzerne? „Die können eigentlich nur verlieren“, so der IFF-Leiter.

„Vor nicht allzu langer Zeit hatte die Telekom jährlich sechs Milliarden Euro Gewinn durch SMS gemacht.“ Wäre damals jemand in dem Konzern auf die Idee gekommen, Kurznachrichten kostenlos anzubieten, wäre er wohl für verrückt erklärt worden.

„Mit dem Aufkommen von WhatsApp ist der ganze Bereich bei der Telekom weggebrochen“, so Bauernhansl. Als der für die Nutzer kostenlose Dienst von WhatsApp schließlich mit seinen gerade mal 35 Mitarbeitern (aber weltweit mehr als 450 Millionen Nutzern) an Facebook verkauft wurde, legte Mark Zuckerberg dafür 19 Milliarden Dollar auf den Tisch.

Dies ist laut Bauernhansl nur ein Beispiel dafür, wie man mit digitalen Plattformen innerhalb von rund zwei Jahren 100 Millionen Nutzer erreichen kann. Der wichtigste Aspekt dabei bestehe darin, solche Plattformen aufzubauen. Und sie würden ja momentan tatsächlich wie Pilze aus dem Boden schießen, betonte Thomas Bauernhansl. „Es gibt jetzt schon einen Wettbewerb, um die meisten Kunden auf seine eigene Plattform zu kriegen.“ Und das, obwohl die Konstruktion und Installation solch einer Plattform rund 50 Millionen Euro koste – der Erfolg aber alles andere als garantiert sei. Dennoch würden Plattformen „die heutigen Geschäftsmodelle künftig revolutionieren“.

Traditionelle Produzenten seien künftig gezwungen, vermehrt aus Kundensicht zu denken, sagte der Professor. Sowohl Produkte wie auch Dienstleistungen würden immer mehr „personalisiert“, der Kunde gebe an, was er brauche, durch die Digitalisierung würden Produktionszeiten verkürzt und „Komplexitätskosten“ gesenkt – auch weil der Kunde sich womöglich seine Produkte selbst im 3D-Drucker fertigt.

Und wie ist das mit der Sicherheit, der Verwundbarkeit und dem „gläsernen Kunden“, wollte Reiner Thede als Vorsitzender der Südwest-Metall-Bezirksgruppe Reutlingen wissen. „Das ist ein weiteres abendfüllendes Thema“, entgegnete Bauernhansl. „Wir sind ja jetzt schon digitalisiert, der gesamte Energiebereich ist vernetzt, von jedem Smartphone-Kunden kann jederzeit ein Bewegungsprofil erstellt werden.“

Wichtig sei, künftig „die Privatsphäre abzusichern“, der Datenschutz müsse „in Richtung Verbraucherschutz gewandelt werden“, betonte der Professor vor den Zuhörern.