Reutlingen Ansammlung der puren Not

Aline Binz, Anja Schnell und Ursula Neef (von rechts) von der Arbeiterbildung helfen zusammen mit ehrenamtlichen Beratern wie etwa Peter Luksch (zweiter von links) Erwerbslosen bei ihren Problemen mit dem Jobcenter. Foto: Norbert Leister
Aline Binz, Anja Schnell und Ursula Neef (von rechts) von der Arbeiterbildung helfen zusammen mit ehrenamtlichen Beratern wie etwa Peter Luksch (zweiter von links) Erwerbslosen bei ihren Problemen mit dem Jobcenter. Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 04.11.2013
Extrem dankbar sind zahlreiche Personen, die von der Arbeiterbildung zum Beispiel Hilfe beim Ausfüllen von Hartz-IV-Anträgen erhalten haben oder den Gang zum Jobcenter nicht allein unternehmen mussten.

Der zuletzt produzierte VW Golf ist unter dem Einsatz von rund 50 Arbeitsstunden entstanden, sagt Dr. Ulrich Bausch. Er war vor kurzem beim Freitagsfrühstück der Reutlinger Arbeiterbildung (Arbi) zu Gast. "Heute werden gerade noch 25 Arbeitsstunden für die Herstellung eines Golf gebraucht", erläutert der Geschäftsführer der Reutlinger Volkshochschule. Kann es da - aufgrund der immer weiter voranschreitenden Rationalisierung und Technisierung, der Einsparung von immer mehr menschlicher Arbeitskraft - ein Wunder sein, dass langfristig betrachtet immer mehr benachteiligte Menschen keinen Job finden? Dass immer mehr Langzeitarbeitslose keinerlei Aussicht auf ein Entkommen aus dieser Falle haben? Eigentlich wäre da die Politik gefragt, sind sich die Besucher der Arbi-Veranstaltung an diesem Freitagmorgen einig. Doch Bausch weiß: "Das Interesse an politischen Veranstaltungen bei der VHS ist sehr gering, viele Menschen erwarten sich einfach nichts mehr von der Politik", so der VHS-Chef.

Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Arbeiterbildung warten auch nicht, bis sich die Situation für Arbeitslose und für Hartz-IV-Empfänger durch Einwirkung der Bundes- oder Landesebene verbessert. Die hauptamtlichen Kräfte Anja Schnell und Aline Binz helfen mit der Unterstützung von Ehrenamtlichen ganz konkret, um "Erwerbslosen oder von Erwerbslosigkeit bedrohten Personen" die aktuellen Probleme zu lösen.

Wie die aussehen können? Sehr häufig sind es die Hartz-IV-Formulare selbst: "Vor allem die neuen Anträge sind derart aufwendig, dass man eineinhalb Stunden braucht, um durchzublicken", sagt Schnell, die sich mit Binz eine 100-ProzentStelle bei der Arbi teilt. Wie sollen da die Antragsteller das Beamtendeutsch verstehen, wenn es etwa an Sprachkenntnissen mangelt?

Rund 1000 Beratungen pro Jahr, rund 90 im Monat führen die Beraterinnen und Berater durch, dabei sind manche Probleme nach wenigen Minuten gelöst, andere dauern viele Stunden. Oftmals gehen die Beraterinnen und Berater wie etwa Peter Luksch (der nebenbei auch Vorstandsmitglied des Reutlinger Vereins ist) mit zum Jobcenter. Das wurde vor wenigen Jahren noch von den Jobcenter-Mitarbeitern sehr ungern gesehen, "mittlerweile aber hat sich das Verhältnis deutlich entspannt, die Beschäftigten beim Jobcenter schicken sogar oft die Leute zu uns, wenn Probleme auftauchen", berichtet Ursula Neef als Arbi-Vereinsvorsitzende.

Warum die Menschen zur Arbeiterbildung kommen? Ein Ratsuchender mit "Sprachbarrieren" hatte etwa monatlich jeweils unter 100 Euro dazu verdient. Das Jobcenter stufte ihn aber jedes Mal deutlich über diese Freibetragsgrenze ein, weil Lohnabrechnungen nicht beim Sachbearbeiter angekommen seien, obwohl sie der Betroffene an der Pforte abgegeben habe. Mit der Hilfe von Anja Schnell wurden die Schwierigkeiten beim Sachbearbeiter schnell gelöst, der Betroffene wurde richtig eingestuft.

Zahlreiche andere Beratungsfälle der Arbi-Mitarbeiter stehen für eine dramatische Ansammlung der puren Not von Menschen. Wie etwa, wenn Sanktionen oder Ablehnungen vom Jobcenter bei Menschen ins Haus flattern, die auf jeden Cent angewiesen sind. Oder wie bei einer Frau, die sich eigentlich in der Elternzeit befand, dadurch Arbeitslosengeld I bezog. Deshalb wurde sie von der Arbeitsagentur aufgefordert, sich aktiv um eine Arbeitsstelle zu bemühen. Sie kam dem nicht nach, weil sie ja ein zweijähriges Kind versorgen musste. "Die Arge hat ihr dann Sperrzeiten auferlegt", berichtet Schnell. Durch das Einschreiten der Arbi wurde das Missverständnis gelöst.

Die Arbeiterbildung fühlt sich jedoch nicht nur zuständig für die Lösung der Probleme von Erwerbslosen: "Unser Ziel ist gleichzeitig auch, durch niederschwellige Angebote und Projekte, Begegnungsräume für die Menschen zu schaffen", betont Aline Binz. "Wir wollen den Selbstwert der Betroffenen stärken." So gibt es etwa einen monatlichen Kochtreff "für den kleinen Geldbeutel". Eine Kooperation mit dem "franz.K" soll den Erwerbslosen kulturelle Veranstaltungen ermöglichen. Und ein Bewerbungstreff hilft Menschen, die kein Internet, keinen PC haben oder mit passend formulierten Unterlagen so ihre Schwierigkeiten haben. Neu war für die Arbi bis zum Besuch von Ulrich Bausch, dass die Reutlinger VHS für bedürftige Menschen einen 75-prozentigen Abschlag auf die Kurse bietet. "Die Interessenten müssen nur 25 Prozent des normalen Betrags bezahlen", betont der VHS-Geschäftsführer.

Durch die Unterstützung des Landesarbeitsmarktprogramms, das die grün-rote Landesregierung ganz neu aufgelegt hatte, sind die beiden 50-Prozent-Stellen von Aline Binz und Anja Schnell seit März 2012 auf drei Jahre gesichert. Die Arbi hofft nun, dass die Stadt beim angestrebten Sanierungsprogramm für das Gebäude in der Oberamteistraße eine passende - und dann hoffentlich barrierefreie - Ersatzunterkunft zur Verfügung stellt. Bisher nutzte die Arbi das Büro mietfrei, 300 Euro monatlich für die Nebenkosten fielen an. "Und dafür sind wir immer auf Spenden angewiesen", sagt Ursula Neef. Eine andere nicht-kostenfreie Bleibe wäre hingegen kaum zu finanzieren. "Wir sind gerade im Gespräch mit dem städtischen Gebäudemanagement", so Neef. Darüber hinaus gebe es die Absicht, das Reutlinger Angebot auf den ganzen Landkreis auszudehnen. "Und da sind wir im Kontakt mit dem Diakonieverband."

Öffnungszeiten der Reutlinger Arbeiterbildung