Reutlingen Anreize zum Umdenken schaffen

„Kein Bock auf Stau“: Im Spitalhof diskutierten (von links)  Daniel Scheu und Louisa Conradt von den Jungen Grünen, Tübingens OB Boris Palmer, Prof. Albrecht Müller und Reutlingens Grünen-Gemeinderat Holger Bergmann.
„Kein Bock auf Stau“: Im Spitalhof diskutierten (von links) Daniel Scheu und Louisa Conradt von den Jungen Grünen, Tübingens OB Boris Palmer, Prof. Albrecht Müller und Reutlingens Grünen-Gemeinderat Holger Bergmann. © Foto: Jürgen Spieß
Von Jürgen Spieß 17.05.2018

Mehrere Vertreter der Jungen Grünen luden am Dienstagabend zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Kein Bock auf Stau, dann ÖPNV – Mobilität für Reutlingen“ in den Spitalhof. Auf dem Podium saßen Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, Reutlingens Grünen-Gemeinderat Holger Bergmann und Prof. Albrecht Müller von der Hochschule Nürtingen-Geislingen, der das Thema unter ethischen Gesichtspunkten beleuchtete.

Ist Busfahren zum Nulltarif eine Möglichkeit, um Staus aufzulösen und die Luft sauberer zu machen? Durch welche Maßnahmen sollte sich Mobilität verändern? Ist Reutlingen wirklich so fortschrittlich, wie manche in der Stadtverwaltung behaupten? Und ist es überhaupt ethisch vertretbar, dass das Auto in den Verkehrsplanungen noch immer eine tragende Rolle spielt? In seinem kurzen Einführungsreferat weist Daniel Scheu, Vorsitzender der Grünen Jugend Reutlingen, darauf hin, dass die Stadt seit Jahren ein schlechtes Bild bei der Stickstoffbelastung abgebe. Es sei nicht damit getan, den Verkehr in Reutlingen umzuleiten und damit allenfalls eine Verlagerung, aber keine Reduzierung  zu erreichen. Vielmehr sei ein alternatives, innovatives Verkehrskonzept und die Förderung von umweltschonender Mobilität notwendig. Doch wie ist das am besten zu bewerkstelligen?

Boris Palmer, der darauf hinweist, dass er nur für Tübingen spreche und die Nachbarstadt nicht kritisiere, gibt einen kurzen Überblick, wie kostenloser öffentlicher Nahverkehr aussehen könnte. Natürlich seien die Voraussetzungen von Stadt zu Stadt unterschiedlich, aber für Tübingen, das Modellstadt für einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr werden will, sei das Projekt absolut realistisch: „Dabei handelt es sich um eine reine Umfinanzierung“, so der Tübinger OB, „und da alle etwas davon haben, sollte die Allgemeinheit auch zumindest einen Teil der Kosten übernehmen“. Palmer rechnet damit, dass im Falle eines kostenlosen Nahverkehrs etwa ein Drittel mehr Bürger mit dem Bus fahren würden. Bis jetzt sei in Tübingen der Bustarif – vor allem für Familien und Einzelfahrten – noch zu teuer, um eine attraktive Alternative zum Auto darzustellen.

Überhaupt müssten mehr Anreize für den öffentlichen Nahverkehr geschaffen werden, damit ein Umdenken einsetze: „Leute, die Autofahren als Freiheit verstehen, schrecken Staus nicht ab“ meint der Reutlinger Stadtrat Holger Bergmann und Albrecht Müller ergänzt: „Für viele bedeutet die Fahrt mit dem Zug oder Bus ein Opfer und keinen Gewinn“. Deshalb müsse  Bus- und Zugfahren attraktiver und günstiger gestaltet werden. „Denn“, so Müller, „vernünftige Vorschriften können neue Freiheiten schaffen“ und wenn die Bedingungen stimmten, sei es für viele keine so große Überwindung mehr, auf Bahn, Bus oder  Fahrrad umzusteigen. Am besten könne man an der Einführung von Nachtbussen sehen, dass preisgünstige Alternativen zum Auto ein Umdenken befördern: „Ich habe bereits vor 20 Jahren für Nachtbusse in Tübingen plädiert“, so Palmer, „denn Mobilitätsbewusstsein wird vor allem in jungen Jahren geprägt“.

Und in Reutlingen? Holger Bergmann ist davon überzeugt, dass das neue Stadtbuskonzept „ein riesiger Schritt nach vorne“ ist, wenn auch noch einiges – wie etwa die Verbindungen nach Gönningen und Bronnweiler – nachgebessert werden müsse. Das Auto könne zwar nie ganz ersetzt werden, aber durch alternative Verkehrskonzepte könne die derzeitige Situation verbessert werden. Dazu gehöre zum Stadtbuskonzept auch der Bau einer Regional-Stadtbahn. Denn neben dem wichtigen demographischen Faktor, nach dem innerstädtische Räume besser erreichbar wären, ist die geplante Regionalstadtbahn auch aus ökonomischer und sozialpolitischer Sicht von enormer Wichtigkeit für die Region.

Auf Zustimmung stieß bei allen Beteiligten der „Masterplan Radverkehr“. Allerdings gäbe es dafür noch keinen städtischen Beschluss und die Jungen Grünen bemängelten, dass der Radverkehrsanteil von derzeit 15 Prozent viel zügiger als bis 2030 auf 25 Prozent steigen müsse. Da solle man sich an Tübingen ein Beispiel nehmen, das allein bis 2020 eine Million Euro pro Jahr in den Radverkehr investieren und schon bald das „Kopenhagen des Südens“ sein wolle.

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