Pfullingen Angepasst und später widerständig

© Foto: Jürgen Herdin
Pfullingen / 10.03.2014

„Frauen – Männer – Macht“: Zum bundesweiten Tag der Archive stellte Stefan Spiller neues Material vor, aus dem hervorgeht, welche Rolle die Frauen in der Stadt seit dem 19. Jahrhundert spielten.

JÜRGEN HERDIN
Da galten die Frauen als „Festdamen“, die als „Zierrat“ der Kriegervereine schwülstig-nationalistische Gedichte vortrugen. Dann ist da aber auch die widerständige Gruppe um Sophie Schlegel, die in den letzten Kriegstagen im April 1945 zu verhindern versuchte, dass Pfullinger Nazis die Bevölkerung weiterhin zum sinnlosen Widerstand drangsalierte.

Auch berichtete Stadtarchivar Stefan Spiller den Besuchern seines Vortrags in der Stadtbücherei, dass die Stadt noch 1971 Frauen als Wahlhelferinnen nicht zuließ. Kriegerverein, Kameradschaft und Militärverein: Bis zum Jahr 1913, am Vorabend des ersten Weltkriegs, zählten derartige Männerbünde in Deutschland 2,8 Millionen Mitglieder, dies in 32 000 Vereinen. Die Frauen hatten damals die Rolle von „Festdamen“.

Bis zu seiner zwangsweisen Auflösung im Jahr 1945 handelte es sich bei der Kriegerkameradschaft um einen der ältesten Pfullinger Vereine, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1838 zurückreichen. Diese männerdominierte und militärisch geprägte Vereinskultur zeichnete sich vor allem durch die Abwesenheit von Frauen aus. Die aber als „Zierrat“ bei Versammlungen geduldet wurden.

Und auch hier hatte ein Laiblin eine Menge zu sagen:Im Jahr 1880 übernahm der Papierfabrikant Ernst Laiblin, der auch Gemeinderat war, den Vorsitz. Den hatte er bis zu seinem Tod im Jahr 1920 inne. Damit nicht genug: 1899 wurde er Obmann der Kriegervereine des Bezirks und stieg 1918 bis zum Präsidiumsmitglied der württembergischen Kriegervereine auf. Aus den Festdamen von einst wurden im Laufe der Zeit auch widerständige Frauen. Tragend war deren Rolle kurz vor Kriegsende 1945 bei der Verhinderung weiteren sinnlosen Blutvergießens. Spontan stellten sie sich gegen die lokalen Nazi-Größen, die – bei Androhung der Todesstrafe – die Menschen zum Durchhalten zwingen wollten. Obwohl die Franzosen schon vor der Tür standen. Vom 20. bis zum 22. April 1945 gab es dann aber Demonstrationen von Pfullinger Frauen vor dem Rathaus mit der Forderung, die sinnlos gewordenen Barrikaden niederzureißen. Sofie Schlegel aus der Klemmenstraße kam dabei eine wichtige Rolle zu.

Obwohl es keine regulären Wehrmachtseinheiten in Pfullingen mehr gab, sollte das „Volkssturmbataillon“ von rund 600 Leuten Widerstand leisten. Panzersperren standen weiterhin an den Einfallstraßen. Bis zu 50 Frauen begannen dann aber am 20. April eigenmächtig mit dem Abbau von Barrikaden, so in der Gönninger Straße.

Sofie Schlegel ging beim Einmarsch der französischen Truppen den ersten Panzern in weißem Kleid und mit einem weißen Leintuch an einer Stange entgegen, um eine weitere Zerstörung der Stadt abzuwenden. „Jetzt hat der Krieg schon onsre Männer ond onsre Buba g'nomma, mer wellet et au no onsr Leba, onsre kloine Kender ond Enkl ond onsre Häuser verliera!“, hieß es. Gewinnen wollten die Frauen dann in Folge der 68er-Rebellion. Doch weiterhin war es ihnen noch 1971 nicht erlaubt, sich als Wahlhelferinnen an der Kommunalwahl zu beteiligen. Doch in diesem Jahr brach eine Männerdomäne in Pfullingen ein: Gisela Hertler zog auf der SPD-Liste just in diesem Jahr als erste Frau in den Gemeinderat ein.